Ein Spaziergang durch die Geschichte von Küstrin-Kietz

Autor: Uwe Bräuning

Küstrin-Kietz

Kontakt: uwebraeuning1047@googlemail.com

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Einleitung

Küstrin-Kietz. Das ist nicht allein ein bloßer Ortsname. Schon gar nicht einer von vielen. Der Name ist Programm. Ein trotziger Hinweis auf eine schillernde Vergangenheit. Küstrin? War da nicht mal was? Küstrin erweckt beim kundigen Touristen sofort Assoziationen an mehrere hundert Jahre glanzvoller Geschichte. Markgrafen, Kurfürsten, Könige und Kaiser haben sich in Küstrin getummelt. Sogar Napoleon hat einst auf den Wällen der Festung gestanden.  Theodor Fontane widmete der Stadt in seinen “ Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ ein eigenes Kapitel.

Tolle Sache. Aber was ist nun mit Küstrin-Kietz? Abwarten! Beginnen wollen wir unseren “ virtuellen Rundgang“ am Ortseingangsschild. Aus westlicher Richtung gesehen.  Küstrin-Kietz gehört, wie das Schild verrät, zur Gemeinde “ Küstriner Vorland“.  Ebenso wie die beiden Nachbardörfer Gorgast und Manschnow.  In Zeiten “ akuter Landflucht“ kann ein Dorf allein, verwaltungstechnisch gesehen, kaum mehr existieren. Küstrin-Kietz, dass kaum mehr als neunhundert Einwohner zählt, schon gar nicht.

Trotzdem gab und gibt es wohl noch heute Zeitgenossen, welche trotzig darauf beharren, dass Küstrin-Kietz , als früherer Stadtteil von Küstrin, noch immer Stadtrecht besitzt. Als ob es den Zweiten Weltkrieg und die Festlegung der neuen polnischen West-Grenze Polen durch die Sieger, nie gegeben hätte.  Küstrin ist in den schweren, zweimonatigen Kämpfen, im Jahre 1945, für immer untergegangen. Das Territorium von Küstrin-Neustadt und des größten Teils von Küstrin-Altstadt gehören seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu Polen. Damit erlosch gleichzeitig, logischerweise, das Stadtrecht der am Westufer gelegenen, ehemaligen Stadtteile Küstrin-Kietz und Kuhbrücke ( Kuhbrückenvorstadt). Ein deutsches Dorf kann nun einmal nicht Teil einer polnischen Stadt sein! Europa hin oder her.

Diese Erkenntnis hielt eine kleine Gruppe besonders „verbiesterter“ vor einigen Jahren nicht davon ab, das Thema „Stadtrecht“ erneut in die Öffentlichkeit zu lancieren. Man wollte gar  Küstriner Vorland mit seinen drei Ortsteilen zu einer Stadt Küstrin umwandeln.  Ihr habt richtig gelesen. Aus Küstrin-Kietz, Manschnow und Gorgast, sollte Küstrin neu erstehen.  Ungeachtet der Tatsache, dass Manschnow und Gorgast selbst über eine mindestens  tausendjährige separate Geschichte zurückblicken können und zu keiner Zeit zu Küstrin gehörten.

Küstrin klingt besser, Küstrin ist besser, hatte einst einer der besonders eifrigen Verfechter dieser „Idee“ als Begründung in der “ Märkischen-Oder-Zeitung“ geschrieben.  Kurz und gut: es ist bei dem Gedanken geblieben. Letztendlich siegte wohl die Vernunft. Einen kleinen Beweis ihres „Trotzes“ haben sich die Küstrin-Kietzer am Ende doch noch bewahrt. Anders als in den anderen Orten ringsumher, wird in der warmen Jahreszeit hier kein Dorf-Fest, sondern ein Sommerfest gefeiert. Von wegen wir sind ja eigentlich kein Dorf. Schließlich haben wir ja Stadtrecht………  Sei es drum. Dem Menschen Wille, ist nun einmal sein Himmelreich.

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Die Kar-Marx-Straße in der Ortsmitte von Küstrin-Kietz

Jetzt wollen wir aber endlich unsere Wanderung beginnen. Die schöne breite, sich durch den gesamten Ort ziehende, das Dorf quasi in zwei Hälften teilende Straße, war bis zum Jahr 2010 noch ein Teilstück der legendären Bundesstraße 1.  Der “ Route 66″ Deutschlands. Die ihren Anfang in Aachen nimmt, sich über siebenhundert Kilometer, unter anderem an Düsseldorf, Dortmund, Magdeburg, Potsdam und Berlin vorbei, durch die Lande schlängelte. Bis sie an der Oderbrücke bei Küstrin-Kietz endet.

Dort endet sie noch heute. Oder besser gesagt, die Straße setzt ihren Weg unter anderem Namen fort. Seit der Fertigstellung einer lange geplanten Umgehungsstraße, die den Grenzverkehr in weitem Bogen um Küstrin-Kietz statt mitten durch führt, wurde das Teilstück von der Einmündung zur neuen Umgehungsstraße bis zum ehemaligen “ Altstadt-Bahnhof“, kurz vor der Oderbrücke, zur simplen Kreisstraße herabgestuft.

Seitdem “ verirren“ sich kaum mehr fremde Fahrzeuge nach Küstrin-Kietz. Auf beiden Seiten der besagten Straße, die zwar keine Bundesstraße mehr ist, dafür noch immer den Namen von Karl-Marx trägt, stehen schmucke Eigenheime. Wer gerne fotografiert, sollte jedoch Vorsicht walten lassen. Einige Leute reagieren allergisch, wenn jemand, noch dazu ein Fremder, die Umgebung ihrer Häuser ablichtet.  Dem ahnungslosen Fotografen kann es durchaus passieren, dass ihm kriminelle Absichten unterstellt werden.  Dieses Misstrauen kommt nicht von ungefähr, ist auch kein Beweis für “ besondere Schrulligkeit“ der Bewohner. Schon gar nicht für Fremdenfeindlichkeit. So reagiert man eben, wenn einem in der Vergangenheit immer mal wieder von Einbrechern die Bude ausgeräumt wurde.

Wir gehen diese Straße weiter entlang. Immer wieder kommen uns Fahrradfahrer entgegen. Für radelnde Touristen ist die flache Gegend geradezu ideal. Nach wenigen hundert Metern stehen wir vor einem umzäunten Gelände des einstigen „Armaturenwerks Kietz“.

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Dem an der Straße stehenden Verwaltungsgebäude sieht man noch heute an, dass es einst bessere Tage gesehen hat. Auch wenn man dafür, Angesichts des heruntergekommenen Zustandes und der teilweise vergitterten, dennoch eingeschlagenen, längst erblindeten Fenster, einiges an Phantasie benötigt. Bis Ende des Zweiten Weltkrieges soll dieses Gebäude sogar einmal eine Villa gewesen sein und einem Fabrikanten gehört haben. Später, saß hier die Betriebsleitung des Armaturenwerks.

Wieder, bei weitem nicht zum letzten Mal während dieser Wanderung, wird unser Vorstellungsvermögen auf den Prüfstand gestellt. Meine Gedanken eilen dreißig Jahre zurück. Ich sehen Arbeiterinnen und Arbeiter vor den intakten Werkhallen stehen.  Gut gekleidete Männer und Frauen, Angehörige einer Delegation vom “ Rat des Bezirkes Frankfurt (Oder), lassen sich von dem angespannt wirkenden Betriebsleiter die Produktionsabläufe erklären. Zur Delegation gehören auch der Vorsitzende des “ Rates des Kreises Seelow“ und der “ 1. Sekretär der SED-Kreisleitung“.  Stolz spiegelte sich in deren Gesichtern wieder. Schließlich ist das Armaturenwerk nicht nur ein x-beliebiger Betrieb. Sondern ein so genannter Vorzeigebetrieb. Blöd nur, dass es im Kreis Seelow, wie in der gesamten DDR, so wenig Vorzeigebetriebe gab.

Arbeiterinnen, Arbeiter nebst den “ Großkopfeten“ lösen sich vor meinem geistigen Auge auf, wie Nebel im Herbstwind. Ich bin wieder im Heute und Jetzt angekommen. Beklemmende Stille liegt auf dem Areal.  Ein kleiner Hoffnungsschimmer bleibt doch. Wie es heißt, soll eine polnische Holzbau-Firma das Gelände gekauft haben. Demnächst sollen hier Zäune und andere Produkte hergestellt werden.

Wirklich? Man kann es nur hoffen.  Weiter geht die Wanderung. Wir sehen eine überdachte Sitzgruppe. Auf der Vorderseite prangt das Wappen von Küstrin. Sitzen sieht man hier jedoch nur selten jemand.

Dann stoßen wir auf die Reste eines Bahnübergangs. An dieser Stelle kreuzte einst die von Küstrin-Kietz, via Podelzig und Lebus, nach Frankfurt (Oder) führende  Bahnlinie die Straße.  Den abgenagten Rippen einer riesigen urzeitlichen Schlange gleich, schimmern die Betonschwellen der vor gut zwanzig Jahren “ außer Dienst gestellten“ Gleisanlage, matt grau im Sonnenlicht.

Linkerhand steht, Fenster und Türen vor Ewigkeiten fest verrammelt, ein ebenfalls längst nutzlos gewordenes Stellwerk. Angeblich durften auf den Stellwerken rings um den Grenzbahnhof Kietz bis 1989 nur “ Inoffizielle Mitarbeiter der Staatssicherheit“ arbeiten.  Dazu und zum Bahnhof selbst, später mehr.

 

Oderbruchstraße / Die tragische Geschichte von Elli Gust und dem SS-Grenadier

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Erst einmal biegen wir nach rechts in die Oderbruch-Straße ab. Hier treffen wir auf die typischen, zumeist Anfang der Dreißigerjahre des 20.Jahrhunderts erbauten Siedlungshäuser.

In der Oderbruch-Straße wohnte einst eine junge Frau Namens Elli Gust. Deren Name, ohne das sie es wahrscheinlich jemals erfahren hat, im Zusammenhang mit einem von der SS im Jahre 1944 in Frankreich verübten Massaker steht. Oradour sur Glane heißt dieser, zum Schauplatz des schlimmsten deutschen Kriegsverbrechens in Westeuropa gewordene, kleine französische Ort.

Was hat ein junge Frau mit einem grausamen Kriegsverbrechen, bei dem die Männer erschossen, Frauen und Kinder inklusive einer Schulklasse mit ihrer Lehrerin, bei lebendigen Leib verbrannten, zu tun?

Ganz einfach: Elli Gust hatte einen der am Massaker beteiligten SS-Männer, einem Siegfried Kuschke aus dem benachbarten Reitwein, einen Brief geschrieben. Dieser Brief wurde wenige Tage nach dem unvorstellbaren Verbrechen, zwischen einigen Leichen gefunden.  SS-Mann Kuschke hatte den Brief offenbar verloren. Der Fund des Briefes, insbesondere die Feldpostnummer  15807 D, führte auf die Spur der 3.Kompanie der 2.SS-Panzerdivision “ Das Reich“.  Einer für derartige Untaten besonders berüchtigten Einheit.

Man kann heute nur spekulieren, in welchem Verhältnis Elli Gust aus Küstrin-Kietz zu dem SS-Mann Siegfried Kuschke stand. Ob sie ihn jemals in seiner schwarzen Uniform gesehen, vielleicht sogar bewundert hat? Hat sie ihn geliebt? Man wird es nie erfahren.  Mit dem in Oradour verlorenen Brief verliert sich auch die Spur von Siegfried Kuschke. Seine Angehörigen  warteten, wie sicherlich auch Elli Gust,  nach dem Krieg lange Jahre vergeblich auf dessen Heimkehr. Aller Wahrscheinlichkeit ist er, wenige Tage nach dem Massaker, bei Gefechten mit den Amerikanern, in der Normandie, gefallen.

Das Haus der irgendwann aus dem Ort verzogenen Familie Gust ist ebenfalls dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen. Ich sehe von Buschwerk überwuchert, Trümmerreste, stelle mir vor, dass sich Elli und Siegfried an dieser Stelle von einander verabschiedet haben. Bevor Siegfried in den Krieg zog und zum Verbrecher wurde.

Verdammt, was wäre wohl ohne diesem verdammten Scheiß-Krieg aus den beiden geworden? Vielleicht ein ganz normales Paar. Sie hätten geheiratet, Kinder bekommen, wären ihrer Arbeit nachgekommen, ohne je mit den  Gesetzen in Konflikt gekommen. Ganz brav. Ganz normal. Wie Millionen anderer auch.  Dieses Leben normal gemeinsam zu leben, ist ihnen verwehrt geblieben. Genau wie den Opfern von Oradour. An deren Tod Siegfried Kuschke zumindest eine Mitschuld trifft.

Wirklich? Steht mir solch ein Urteil über jemanden den ich nie gekannt habe, zu? Siegfried Kuschke kann sich nicht mehr zu seiner konkreten Rolle bei dem Massaker erklären.  So viel steht fest: SS-Mann Kuschke gehörte zu den Befehlsempfängern. Erteilt hatten die unmenschlichen Befehle andere. Mindert das  aber bereits seine Schuld?

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr drehen sich meine Gedanken im Kreis. Besitze ich überhaupt das Recht, über jemanden wie den SS-Mann Siegfried Kuschke den Stab zu brechen? Werde ich doch, gerade hier in Küstrin-Kietz, des Öfteren mit meiner eigenen Vergangenheit konfrontiert, wie sich im Verlauf des Beitrags noch zeigen wird. Auch wenn meiner Generation massenhafter Tod und Zerstörungen erspart geblieben ist.

Überhaupt scheint der Zweite Weltkrieg noch immer präsent zu sein. An einigen Fassaden lassen sich Spuren von Einschüssen erkennen. Auf den Feldern kommen nach dem  Pflügen zuweilen auch hochexplosive Hinterlassenschaft ans Tageslicht. Von verrotteten Gasmasken, verrosteten Stahlhelmen und menschlichen Überresten ganz zu schweigen. Selbst der Verlauf von Schützengräben und Stellungen ist hin und wieder noch deutlich zu erkennen.  Bomben und Granattrichter, zum Teil mit Wasser gefüllt oder von Bäumen bewachsen, sowieso.

Auf dem notdürftig von Planen abgedeckten Dach eines Hauses flattert eine Plane im Wind. Seit einem Brand im November 2014, steht das Haus leer. Bis zur Brandnacht lebte dort eine polnische Familie mit ihren Kindern.  Dank einer aufmerksamen Zeitungsausträgerin, die das Feuer bemerkt, die Bewohner geweckt und die Feuerwehr alarmiert hatte, kam niemand zu Schaden. Zumindest nicht körperlich. Spurlos wird die Tragödie sicherlich an keinem aus der Familie vorbei gegangen sein.

Die Gemeinde kümmerte sich sofort um eine Unterkunft für die Brandopfer. Viele Einwohner spendeten, ohne viel Aufsehen, Geld oder Sachleistungen. Ja, auch das ist Küstrin-Kietz!  Hier hält man in der Not noch zusammen.  Das trifft nicht auf jeden zu. Aber auf einen Großteil der Einwohnerschaft. Zu der seit einigen Jahren immer mehr Polen gehören.

Wie denn das? Sagt man den an der polnischen Grenze lebenden Ostdeutschen nicht ein “ gestörtes Verhältnis“ zu den Polen nach? Hat nicht noch vor zehn, fünfzehn Jahren ein Nachts durchs Oderbruch fahrendes Auto mit polnischem Kennzeichen, sofort eine Meldung bei der Polizei zur Folge gehabt?

Ja. Aber auch hier, in diesem entlegensten Winkel Deutschlands, bleibt nichts wie es einmal war. Panta Rhei-Alles fließt. Küstrin-Kietz, ist wie fast die gesamte Grenzregion, Schauplatz einer kleinen Völkerwanderung. Beinahe einer sanften Re-Slawisierung Ost-Brandenburgs. Geschichtliche Gerechtigkeit nach fast tausend Jahren.

Ganz so ist es natürlich nicht. Solche Gedankengänge spielen heutzutage ohnehin keine Rolle mehr. Für den Zuzug von Polen ins Oderbruch gibt es nur eine, dafür jedoch nachvollziehbare Erklärung: Die relativ niedrigen Boden und Grundstückspreise in der strukturschwachen, von hoher Arbeitslosigkeit geplagten Region.  Seit 1990 haben viele, vor allem junge Leute, ihre Heimat der Arbeit wegen, verlassen.  Wohnungen und Häuser standen und stehen, manchmal jahrelang, leer.  Findet sich dann doch ein Käufer, werden die Immobilien für Spottpreise veräußert. Besser den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.  Sehr oft lagen die geforderten Preise weit unter dem üblichen Niveau. Durchaus nicht nur dem deutschen, sondern auch dem polnischen Preisniveau. Wem wundert es also, dass so viele Polen spätestens nach dem Wegfall der Grenzkontrollen, im Dezember 2007, die Gunst der Stunde nutzen und sich auf der anderen Seite der Oder niederließen? Zumal diese zumeist in ihrem nur zwei Kilometer  entfernten Heimatland weiter einer Arbeit nachgingen. Wächst jetzt zusammen, was zusammengehört? Abwarten. Eines steht schon heute fest: Ohne die neuen Einwohner aus dem Nachbarland würden wohl nicht nur in Küstrin-Kietz, bald “ alle Lichter ausgehen“.

In unmittelbarer Nähe der Brandruine befindet sich die fast altehrwürdig zu nennende “ Bäckerei Felske“. Der Großvater des heutigen Betreibers hat hier bereits lange vor dem Zweiten Weltkrieg Brot gebacken. Ein Streifenwagen der Bundespolizei hält vor dem Eingang des Bäckerladens. Wenige Minuten später kehren die beiden Polizisten, gefüllte Papiertüten voll duftender Backware in den Händen haltend, zu ihrem Fahrzeug zurück.  Einen Moment lang stelle ich mir vor, wie sich Elli Gust einst mit dem SS-Grenadier Siegfried Kuschke vor dieser Bäckerei getroffen hat. Arm in Arm, den neidischen Blicken der Freundinnen durchaus bewusst.

Die Deutschlandsiedlung

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Irgendwie lässt mich dieses Thema nicht los. Ich gehe weiter an den Siedlungshäusern vorbei, lenke meine Schritte in die Rudolf-Breitscheid-Straße.  Die bis kurz nach 1945 Lothringer-Straße hieß. Ein beinahe exotisch anmutender Straßenname.

Echt? Wir befinden uns mitten in der so genannten “ Deutschlandsiedlung“, in der die Straßen nach deutschen Ländern wie zum Beispiel Bayern, Thüringen, Mecklenburg, Schwaben, dem Rheinland und Schleswig-Holstein benannt wurden.  1934 ließ der damalige Bürgermeister von Küstrin, Preuß, auf ehemaligen Äckern, Doppelhäuser erbauen. Gedacht waren diese Häuser vorwiegend für kinderreiche Familie und Umsiedler aus den nach dem Ersten Weltkrieg zum wiedergegründeten polnischen Staat gehörenden, vormals deutschen Gebieten. “ Sozialen Wohnungsbau“ gab es offenbar schon früher.

Ein schaler Nachgeschmack bleibt dennoch. Bei Projekten aus der Nazizeit fast schon ein Automatismus. Noch heute wird “ Deutschlandsiedlung“ im Volksmund zuweilen auch “ Hitler-Siedlung“.  Angeblich wohnten in diesen Häusern besonders “ stramme“ NSDAP-Mitglieder.

Beweise dafür habe ich bis heute nicht gefunden. Denkbar ist, dass sich einige der angesiedelten Familien dem NS-Staat oder einfach nur dem Bürgermeister Preuß, zu besonderem Dank verpflichtet fühlten.  Wurde ihnen doch staatlicherseits, zu besonders günstigen Konditionen, der Erwerb eines kleinen Eigenheims ermöglicht.

Wie auch immer.  Versonnen geht mein Blick über die Siedlung, in der ich übrigens selbst seit 1998 lebe.  Friedlich, den Kopf auf den Boden gerichtet, grasen zwei Pferde in einer Koppel. Eine junge Frau trägt einen Kürbis vom angrenzenden Feld. Gerhard Schwagerick, der Ortsvorsteher von Küstrin-Kietz, fährt im Auto sitzend, vorbei. Er hat es wie immer eilig. Ortsvorsteher haben niemals Zeit, dafür jedoch den Kopf voller Gedanken und unerledigter Termine. Ortsvorsteher sind so etwas wie Blitzableiter. Die den Frust der Bürger auf sich ziehen und “ in sichere Gefilde leiden“. Meist ist der Frust bei denen am größten, die selbst keinen Finger für die Belange des Dorfes krümmen würden.

Auf einem Masten ruht ein momentan verwaistes Storchennest. Das Storchenpaar kehrt jedes Jahr im Frühling aus dem fernen Afrika wieder zurück nach Küstrin-Kietz, um dann am Ende des Sommers, gemeinsam mit dem hier geborenen Nachwuchs, erneut gen Süden aufzubrechen.

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Die Störche müssen “ einen Narren an Küstrin-Kietz gefressen haben“. Anders kann ich mir ihre Rückkehr nicht erklären. Denn das Leben oder besser gesagt Überleben der Störche wird im Oderland immer schwierig. In den immer heißer und trockener werdenden Frühlings und Sommermonaten finden sie kaum noch ausreichend Nahrung für sich und ihre Jungen. Immer wieder geschieht es, dass die verzweifelten Elterntiere einen oder gar mehrere Jungstörche, aus der Not heraus, aus dem Nest werfen. Lange vorbei die Zeit, wo noch mehrere Storchenpaare in jedem Dorf an der Oder nisteten. Was der Mensch an Nahrungsgrundlagen nicht zerstören konnte, fällt nun allmählich dem Klimawandel zum Opfer. Bis es einen unschönen, gar nicht mehr fernen Tages, keinen einzigen Storch im Oderbruch mehr geben wird. Und da gibt es doch Zeitgenossen, die das Oderbruch noch immer zum “ Weltkulturerbe“ zählen wollen! Weltkulturerbe? Wohl eher mahnendes Beispiel für Umweltzerstörung und anhaltende menschliche Dummheit!

Ein überdimensionales, an einem Maschendrahtzaun befestigtes „Fahndungsplakat“ zeigt das Konterfei der seit dem 28. Juni 2015 vermissten Katze Lui. Katzenliebhaber wissen wie sich die Besitzer des Tieres in solch einer Situation fühlen.  Katzen und Hunde werden hier nicht selten weniger als Haustiere, sondern eher als Familienmitglieder betrachtet.

Um so unverständlicher, dass der Reporter einer Zeitung, der den Ort an einem grauen Novembertag besucht haben wollte, neben öden leeren  Straßen, eine an einem Baum erhängte Katze gesehen will.  Reporter verfügen, vor allem wenn es um den deutschen Osten geht, zuweilen über eine mehr als blühende Phantasie. Kein Artikel ohne  obligatorische „Nazis“, trunksüchtige Arbeitslose oder ewig gestrige DDR-Nostalgiker. Brutal gemeuchelte Katzen tauchen in solchen Artikeln eher selten auf. Es sei denn, man möchte die Bewohner in einem besonders schlechten Licht erscheinen lassen.  Schade nur, dass Katzen weder lesen noch schreiben können. Der Reporter hätte sich vor wütenden Protestbriefen von “ Miez“, “ Mauz“, “ Lore“ oder „Paul“, nicht retten können.

Von der Rudolf-Breitscheid-Straße  geht es nach links die Thüringer Straße, von dort weiter über die Schleswig-Holstein-Straße zurück zur Karl-Marx-Straße. Über einen Kilometer zieht sich, von Nord nach Süd, die einer Deutschlandkarte nachempfundene Siedlung. Schleswig-Holstein und Mecklenburg im “ hohen Norden“, Schwaben und Bayern im „tiefen Süden“.  Der Beginn des Zweiten Weltkriegs verhinderte den Bau weiterer Straßen und Häuser. Dessen Ende sorgte dafür, dass etliche, bereits erbaute Häuser, in Schutt und Asche sanken.

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Ja, Ja, der verdammte Zweite Weltkrieg wird uns noch lange schwer im Magen liegen. Genau wie die nachfolgende “ DDR-Zeit“, unter der Küstrin-Kietz auf ganz spezielle Art zu leiden hatte.

Zuerst einmal durch Verstümmelung des Ortsnamens. Küstrin-Kietz hieß nach der Gründung des “ Arbeiter & Bauernstaates“ fortan nur noch Kietz.  Küstrin stand, angeblich, für Militarismus und Krieg. Passte als Anachronismus, nicht mehr zu einem sozialistischen Dorf. Ebenso wenig wie eine “ Deutschlandsiedlung“ inklusive “ politisch unkorrekter “ Straßennamen.

Aus der Westfalenstraße wurde, völlig profan, die Mittelstraße.  Die Frankenstraße nannte sich Birkenweg. Und die Rheinlandstraße, Hinterstraße.  Dennoch hielten sich die Bezeichnungen “ Deutschlandsiedlung“ und “ Hitlersiedlung“, quasi gleichberechtigt nebeneinander, weiter im allgemeinen Sprachgebrauch. Alles kann man eben nicht verbieten. Karl-Marx-Stadt hieß schließlich, wenn auch nur inoffiziell, weiter Chemnitz. Und so weiter und so weiter.

In der Thüringer Straße werden wir wieder an den Zweiten Weltkrieg erinnert. Hier wohnte einst ein gewisser Josef Stefanski, der als Angehöriger des “ Volkssturms“ die Kämpfe um Küstrin im Frühjahr 1945 erlebte, vor allem überlebte und anschließend in sowjetische Gefangenschaft geriet. Die Gefangenen wurden zunächst über die Thüringer und Bayernstraße, in Richtung Oder getrieben. Josef Stefanski kam bei diesem traurigen Marsch ins Ungewisse an seinem Haus vorbei. Die von ihm geäußerte Bitte Papiere aus dem Haus holen zu dürfen, lehnte der Wachposten ab. “  Du bist doch selbst Schuld. Wärst du nicht für Hitler in den Krieg gezogen, könntest du jetzt in deinem Haus sitzen und müsstest nicht in Gefangenschaft gehen.“

Solche und ähnliche Worthülsen wurden uns in der Schule früher als besonderer Beweis für die menschliche Überlegenheit der Sowjetsoldaten „verkauft“.  Warum bist du auch für Hitler in den Krieg gezogen? Ja, warum wohl? Wahrscheinlich aus ähnlichen Gründen, die den Sowjetsoldaten bewogen hatten, für Stalin in den Krieg zu ziehen. Als ob damals irgendwer gefragt wurde, ob er für wem auch immer, in den Krieg ziehen möchte.

Die  sich der Thüringer Straße anschließende Schleswig-Holstein-Straße firmierte bis nach der deutschen Wiedervereinigung als “ Straße der Eisenbahner“. Dieser Straßenname stellt ausnahmsweise keine phantasielos peinliche Notlösung, weil den Verantwortlichen nichts Blöderes eingefallen ist, dar. Nein, man kann ihn durchaus als Hommage an einen, für Kietz besonders wichtigen Berufszweig verstehen. Kaum eine Familie, in der nicht mindestens ein Mitglied bei der “ Deutschen Reichsbahn“ arbeitete.  Über den hiesigen Grenzbahnhof liefen Güter und Militärtransporte von oder in die Sowjetunion. Zum Bahnhof kommen wir aber noch später.

Wer die Schleswig-Holstein-Straße durchwandert, sollte einen kurzen Augenblick vor den ein wenig heruntergekommenen, vor einem guten halben Jahrhundert erbauten Mehrfamilienhäusern verweilen.  Lange standen die einstigen Dienstwohnungen der “ Deutschen Reichsbahn“ leer. Selbst für den Preis eines symbolischen Euro wollte sich keiner die sanierungsbedürftigen Blöcke “ ans Bein binden“.  Bis eine pfiffige Polin die Häuser kaufte und nach mit Familien aus ihrem Heimatland belegte. Statt weiter zu verfallen, zieht wieder Leben in die Gemäuer ein. Warum schaffen wir Deutschen so etwas nicht?

Neben den vor dem Verfall geretteten Mehrfamilienhäusern sehen wir das bereits vor gut zwanzig Jahren aufgegebene Gerätehaus der “ Freiwilligen Feuerwehr“.

Kindergarten steht in großen Buchstaben an einem sich in unmittelbarer Nähe des alten Feuerwehrdepots befindlichen, mit einer weißen Fassade versehenem Haus.  Wie so vieles ist die Aufschrift nichts weiter als eine Erinnerung an vergangene Zeiten.  Ohne Arbeit keine jungen Familien. Ohne junge Familien keine Kinder. Ohne Kinder kein Kindergarten.  Ein Teufelskreis, der in unserer Region immer mehr seltener durchbrochen wird.

Zwischen Verfall und Neubeginn

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Wir haben die Karl-Marx-Straße wieder erreicht. Aufgesessen auf einem Mini-Traktor, knattert Gemeinde-Arbeiter Sven vorbei.  Hinter ihm, auf dem Anhänger, sitzt, eine Zigarette rauchend, sein “ Assistent“. Den im Dorf alle unter seinem Spitznamen, “ Molly“, kennen. Körperlich können die beiden Männer nicht unterschiedlicher sein.  Groß und korpulent der eine. Schmächtig und eher klein der andere.  Reine Äußerlichkeiten eben. Die Arbeiter verstehen sich, in ihrem Bemühen für Sauberkeit im Ort zu sorgen, offenbar blind.

Das kleine Gefährt biegt um die Ecke. Auf der Karl-Marx-Straße herrscht wieder Ruhe. So als wäre es nie anders gewesen.  Doch der subjektive Eindruck täuscht.  Diese Straße und ihre Anwohner haben in der Vergangenheit  schon völlig andere Zeiten erlebt.  Alte Fotos, aus der Zeit vor 1945, präsentieren uns ein völlig anderes Küstrin-Kietz.  Das mit dem heutigen Dorf, außer dem Namen, kaum noch etwas gemeinsam hat. Andy Steinhauf, Betreiber der Website  Cuestrin.de und Herausgeber des Buches “ Küstrin und sein Kietz“, verdanken wir einzigartige Einblicke in eine versunkene Welt.  Entlang der heutigen Karl-Marx-Straße, die bis 1933 Chaussee-Straße und danach bis zum Inferno den Namen des “ Ur-Nazis“ Horst Wessel trug, gruppierten sich Restaurants, Kaufhäuser, Villen, Tankstellen und Schulen. Verschiedene Firmen hatten ihren Sitz in Küstrin-Kietz. Selbst eine eigene Polizeiwache gab es hier. Wie sich wohl ein aus diesen Tagen ins hier und jetzt verschickter  früherer Einwohner fühlen muss? Wahrscheinlich würde er, voller Verzweiflung, desorientiert, durch den eigenen Ort irren.

Nur wenige Gebäude haben das Inferno des Jahres 1945 überlebt. Dazu gehört die ehemalige Dorfschule. Auf alten Fotos noch als Schule in der “ Langen Vorstadt“ bezeichnet. Lange Vorstadt? Ich denke wir sind in Küstrin-Kietz? Sind wir ja auch. Die Lösung des Rätsels präsentiere ich später.

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Nun aber wieder zurück zur Schule. Die, was niemand überraschen dürfte, schon seit Jahrzehnten anderen Zwecken dient. Zum Beispiel als Jugendklub. Oder als Domizil eines Tischtennisvereins. Generationen von Kietzern haben in diesem Gemäuer Lesen und Schreiben gelernt. In den späten Sechzigern wurde diese Schule Schauplatz einer Auseinandersetzung zweier Lehrer. Während der eine öffentlich die gewaltsame Beendigung des “ Prager Frühlings“ durch die Truppen des „Warschauer Vertrages“ kritisierte, wofür er mit dem Ende seiner Karriere büßen musste, erwies sich der andere ebenso öffentlich, als Befürworter. Später, sehr viel später, nach dem Ende der DDR, outete sich dieser Lehrer als früherer Angehöriger der Waffen-SS.  Man hatte ihn, 1944, als siebzehnjährigen jungen Burschen, zu der heute alles andere als angesehenen Truppe einberufen. Wie schon den bereits erwähnten Siegfried Kuschke. Anders als dieser, überlebte er den Krieg. Der junge aufgeschlossene Mann wollte nach der Rückkehr Lehrer werden. Warum nicht?  Ehemaligen Angehörigen der SS, egal ob “ Freiwillig“ oder Wehrpflichtig“, blieb der Zugang zum Schuldienst versperrt. Um dennoch in seinem Traumberuf arbeiten zu können, verschwieg besagter junger Mann die SS-Mitgliedschaft. Seitdem schwebte das Damoklesschwert der Aufdeckung seiner Vergangenheit ständig über ihn. Hat er sich deshalb, um jeden Verdacht von sich abzulenken, derart “ Systemkonform“ verhalten?

Oder gehörte er zu jenen, die im Krieg schreckliches erlebt hatten, der Jugend diese Erlebnisse ersparen und alles für das Wohl des vermeintlich besseren Deutschlands, der DDR, tun wollte? Wenn ja, dann musste dieser ehemalige Lehrer 1989 / 90 zum zweiten Mal im Leben den Zusammenbruch von Idealen erleben.  Schicksale wie es im Deutschland des 20. Jahrhundert unendlich viele gegeben haben dürfte.

Vor wenigen Jahren verkaufte die Gemeinde das Schulgebäude an eine Familie aus Berlin.  Wenn es nach dem voller Ideen steckenden Oberhaupt der Familie geht, wird hier demnächst eine Art Pension für Fahrradtouristen eröffnet. Ein großer Schritt für den Tourismus und zweifellos auch für Küstrin-Kietz selbst.  Leider behindern eine Vielzahl behördlicher, kostspieliger Auflagen die Pläne.  Es steht noch in den Sternen, ob das “ Fahrrad-Hotel“ jemals eröffnet wird.  Hoch lebe die Deutsche Bürokratische Republik!

Gestatten Sie mir noch einen kleinen Abstecher in den so genannten Vogelpark. Unweit der Schule.  Vorn am Eingang werden die Besucher von zwei aus Beton gefertigten Skulpturen empfangen. Eine Eule und ein Hund. Emma und Willy. Angefertigt wurden diese Skulpturen von dem Hobby-Künstler Peter Hübner aus dem benachbarten Gorgast. Als Stifterin ist die 2011 aus Rüdersdorf zugezogene, sich auch sonst ehrenamtlich um die Belange des Vogelparks kümmernde Küstrin-Kietzerin Marion Pranzner zu nennen.

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Arbeitseinsatz im Vogelpark

Da müssen erst die “ Fremden“, Polen und Rüdersdorfer, kommen, damit es in Küstrin-Kietz wieder vorwärts geht. Neben den Skulpturen hat der Park noch eine große, von verschiedenen gefiederten Arten bewohnte Voliere, Meerschweinchen, eine überdachte Sitzbank und einen Buddelkasten für die jüngsten Besucher, zu bieten. Für hiesige Verhältnisse eine ganze Menge.  Marion Pranzner träumt davon, den Gästen im Sommer Kaffee und Kuchen anzubieten. Und das Angebot an Tieren zu erweitern. Träume die wohl immer Träume bleiben werden. Der Bürokratie und leeren Kassen wegen.

Wir drehen jetzt wieder um, wenden den Schritt erneut gen Osten. Linkerhand breiteten sich, hinter einem Zaun, Wildwuchs und Gleisanlagen aus.  Wie bereits erwähnt: Bis 1945  Standort verschiedener Gebäude.  Rechterhand, vor der neuen Feuerwache, findet sich noch ein steinerner Zeuge aus Vorkriegszeiten. Im unteren Bereich befand sich während der DDR-Zeit eine stets gut besuchte Gaststätte.

Ich sehe mich in den Herbst 1989 zurückversetzt. Als junger dynamischer Volkspolizist sollte ich hier in Kietz mithelfen, den anhaltenden Run über die Oder, und weiter in Richtung der bundesrepublikanischen Botschaft in Warschau, eindämmen helfen. Von der Überlegenheit des Sozialismus  noch immer überzeugt, widmete ich mich mit Feuereifer der Aufgabe.

Tun sich hier Parallelen zu Siegfried Kuschke und jenem ebenfalls erwähnten, ehemaligen Lehrer auf? Ja. Nur das mir erspart blieb, dass mich ein Befehl zum Verbrecher machte. Die Zeiten waren eben doch ein wenig anders. Falschen Idealen bin aber auch ich kritiklos aufgesessen. Eine Gemeinsamkeit die ich mit den beiden oben genannten, sehr viel älteren Männern teile.

in jenen Tagen im Herbst 1989 stand ich schon einmal an dieser Stelle. Beobachtete im Dunkeln das Geschehen vor der Gaststätte. Plötzlich schnappte sich ein sichtlich betrunkener sowjetischer Soldat, ein scheinbar herrenloses Fahrrad.  Ich hätte sofort eingreifen müssen, versteckte mich jedoch, hinter einem Verkehrsschild. Wer möchte sich schon mit einem betrunkenen “ Russen“ anlegen?  Zur Beruhigung meines schlechten Gewissens, versuchte ich mir einzureden, dass das Fahrrad dem Russen doch durchaus gehören könnte. Bald darauf belehrte mich das laute Fluchen eines nach draußen tretenden Zechers eines Besseren. Klugerweise gab ich mich weiterhin nicht zu erkennen. Die Blamage wäre zu groß gewesen.  So war das eben mit den jungen dynamischen Volkspolizisten. Heute kann ich darüber nur noch schmunzeln.

Sehr weit dürfte der Russe ohnehin nicht geradelt sein. Maximal bis in die Nähe einer der beiden am östlichen Dorfrand gelegenen Kasernen. Vorfälle wie diese kamen ohnehin immer wieder vor. Neben den Eisenbahnern prägten die erdbraun uniformierten Sowjetsoldaten lange Zeit das Bild des Dorfes.  Dazu aber später mehr.

Der Grenzbahnhof

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Zunächst widmen wir uns einem zentralen Punkt von Küstrin-Kietz-dem Bahnhof.  Dessen Bedeutung darin liegt, dass er nicht nur ein Bahnhof wie tausend andere ist. Sondern ein Grenzbahnhof.

Ok, dieser Status verliert in Zeiten offener Grenzen, immer mehr an Bedeutung.  Das sah während der so genannten DDR-Zeit und danach bis zum Beitritt Polens zum “ Schengen-System“,  völlig anders aus.

Über ein langgezogenes Brücken-Viadukt gelangt man von der Karl-Marx-Straße hinüber zum Bahnhof. Es lohnt sich,  oben auf der Brücke zu verweilen.  Von hier aus hat man einen wunderschönen Blick auf den Ort und die sich darin anschließende weite Landschaft des Oderbruchs. Wenige Kilometer entfernt, fast zum Greifen nah, erheben sich die Schornsteine der Zellulosefabrik Kostrzyn in den Himmel.  Von Westen her fährt einer der typischen blau lackierten Züge der “ Niederbarnimer Eisenbahngesellschaft“ quietschend in den Bahnhof ein.  Reisende steigen ein oder aus. Einen Moment lang gleicht der Bahnsteig einem Ameisenhaufen.  Völlig normal an einem Bahnhof, von dem man in nur einer Stunde bis nach Berlin-Lichtenberg gelangen kann. Ein bis dato noch unterschätztes Standortvorteil in Sachen Tourismus.  Zumeist werden die am Tag beinahe im Stundentakt verkehrenden Züge überwiegend von polnischen Berufspendlern genutzt.

Gedanklich bin ich schon wieder im Jahr 1989.  Züge verkehrten damals natürlich auch schon. Der Personenverkehr endete jedoch an diesem Bahnhof.  Die Grenze passierten nur Güterzüge und Militärtransporte der sowjetischen Armee.

Wegen der letztgenannten stand der Bahnhof Kietz vom Anfangs bis zum Ende der DDR, im Fokus der Geheimdienste. Hier tätige Angehörige der “ Deutschen Reichsbahn“ ließen sich zuweilen als “ Agenten des Klassenfeindes“ rekrutieren, berichteten über die Anzahl der Waggons und deren Ladung.  Manch einer zahlte dafür einen hohen Preis. Wie der Küstrin-Kietzer Wilhelm S., der für seinen “ Agentendienst“, mit einer langjährigen Freiheitsstrafe büßen musste.

Sogar das DDR-Fernsehen widmete sich dieser brisanten Thematik. In dem 1988 gesendeten Fernsehfilm “ Der Irrläufer“ entlarvten “ gute Stasis“, unter Führung eines von dem unvergessenen Schauspieler Erik S. Klein dargestellten MfS-Major,  eine am Grenzbahnhof Kietz spionierende “ böse Agententruppe“ aus dem kapitalistischen Ausland.  Der Film basierte auf einer, wenn nicht sogar mehreren  wahren Begebenheiten.

Schade nur, dass besagter Film heute nirgendwo mehr gezeigt wird. “ Gute Stasis“ passen längst nicht mehr in die Medienlandschaft. Aber hier, am Originalschauplatz, dürften sich noch etliche Interessenten finden. Und sei es nur aus zeitgeschichtlichem Interesse. Oder der Lust an unfreiwilliger Komik.  Vielleicht öffnet ja das Deutsche Fernsehen eines Tages seinen “ Giftschrank“?  Einstweilen bleibt die Erkenntnis, dass während des “ Kalten Krieges“ über den Bahnhof ein Hauch von James Bond wehte. Dazu passt wiederum die Behauptung, dass jedes Stellwerk rund um den Bahnhof Kietz, von einem “ Inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit“ besetzt war. Angeblich saß die Stasi nicht nur in den Stellwerken oder auf dem Bahnhof selbst. Auch die in Kietz hinter dem Kneipenthresen Bier zapfenden Schankwirte sollen heimlich bei der Staatssicherheit gewesen sein.

Das kann man glauben oder nicht. Fest steht jedoch, dass laut einer für den Altkreis Seelow angefertigten Erhebung der “ Jahn-Behörde“, Außenstelle Frankfurt (Oder), das frühere Kietz die höchste IM-Dichte im Vergleich zur Bevölkerung aufwies.

MfS, BND, CIA und KGB, gaben sich hier ein einst ein Stelldichein. John le Carre hätte seine wahre Freude an dem eher unscheinbaren Terrain gehabt.

Der Bahnhof Kietz war nicht nur eine Drehscheibe für Militärtransporte sondern auch für Gütertransporte in  die oder aus der Sowjetunion. Unter anderem Kohle und Erdöl für die Wirtschaft der DDR. Sehr zur Freude der Partei-Oberen. Ein 1986 aus der Ukraine eingetroffener Güterzug brachte jedoch nicht nur Spitzengenossen zum Strahlen. Der Abgangsbahnhof des Transportes hieß Tschernobyl.  Das kurz zuvor zum Schauplatz einer der schrecklichsten Unfälle im nuklearen Sektor geworden war.

Da in der DDR nichts sein sollte, was nicht sein durfte, blieb die Atomkatastrophe im offiziellen Sprachgebrauch, mehr oder weniger unerwähnt. Falls doch, wurde allenfalls von einem “ schwereren Vorfall“, von dem jedoch keine größere Gefahr ausgeht, gesprochen.

Bei der “ Deutschen Reichsbahn“ wussten die Verantwortlichen hinter den Kulissen jedoch genau, dass von den aus der Ukraine kommenden Güterzügen eine große Gefahr ausging.  Aus diesem Grund wurden “ Putzkolonnen“ eingesetzt, um die kontaminierten Waggons einer intensiven Spülung zu unterziehen. Ganz so, wie wir es seinerzeit während der Grundausbildung bei NVA oder Grenztruppen gelernt hatten.

Die “ Reinigung“ selbst, erfolgte nicht in Kietz sondern im Bereich des ca. sechs Kilometer entfernten Haltepunktes Neu-Manschnow. Für die an der schwachsinnigen Aktion beteiligten Reichsbahner, entpuppte sich das Ganze als “ Himmelfahrtskommando“. Fast alle sollten im Verlauf der kommenden zehn bis fünfzehn Jahre an Krebs erkranken und qualvoll sterben.

Bei dem Gedanken daran läuft mir ein eisiger Schauer den Rücken herunter. Im Herbst 1989, als ich wie gesagt als Volkspolizist “ die DDR retten wollte“, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben auf dieser Brücke gestanden. Damals zusammen mit zwei Angehörigen der Transportpolizei.  An einem nasskalten Herbstabend.

Wir unterhielten uns gerade über dieses und jenes, als der ältere Transportpolizist, ein gemütlicher dicker Hauptmann, einen roten Schimmer am östlichen Horizont bemerkte. Beinah so, als wollte die Sonne, viele Stunden zu früh, aufgehen.

Ich werde wohl nie die wahre Ursache des unheimlichen, noch mehrere Stunden sichtbaren Scheins erfahren. Vielleicht hatte es ja an diesem Abend im benachbarten, dennoch  gefühlte “ tausend Kilometer entfernten“ Kostrzyn gebrannt? Egal.  Der Horizont stand, warum auch immer, regelrecht in Flammen. Ein ebenso  beeindruckend schöner, wie unheimlicher Anblick. “ Das sieht aus wie ein Nordlicht“, meinte der Hauptmann. “ Als Kind habe ich solch ein Nordlicht schon einmal gesehen.  Das war 1939. Kurz danach brach der Zweite Weltkrieg aus. Man sagt ja auch, dass es Krieg gibt, wenn ein Nordlicht erscheint. Zumindest passiert dann irgend etwas schreckliches.“ “ Zum Beispiel der Untergang der DDR?“,  erwiderte ich spontan. Der Hauptmann lachte. “ Du bist doch nicht etwa abergläubisch?“

Nein, ich bin nicht abergläubisch. Der Gedanke das die DDR verschwinden könnte, war für mich jedoch zu diesem Zeitpunkt in der Tat, in jeder Hinsicht schrecklich. Mit der Existenz dieses Staates verband sich meine gesamte Zukunftsplanung. Das Ende der DDR, im Oktober 1989 eigentlich unvorstellbar, wäre gleichbedeutend mit dem Ende  meiner Pläne, meiner Ideale, ja meines gesamten bisherigen Weltbildes.

Eine Gruppe lachender Jugendlicher läuft vom Bahnhof kommend, an mir vorbei. Alle halten  Smartphones in den Händen, telefonieren oder schreiben irgendwelche Nachrichten, kommunizieren mühelos über große Entfernungen.  Das Lachen der Jugendlichen holt mich wieder zurück ins Jahr 2015.  Meine 89-er Sorgen erscheinen mir heute geradezu lächerlich. Der von mir befürchtete, wenig später tatsächlich eingetretene Untergang der DDR, hatte, aus heutiger Sicht, nichts schreckliches an sich. Alles was damals geschah hat sich als absolut notwendig erwiesen. Ein Staat der auf Lügen basiert, sich sogar gern selbst betrügt, bricht eines Tages zusammen. Wir haben nichts anderes erlebt, als den Zusammenbruch eines Lügengebildes.

Die Leidtragenden sind dabei stets jene, welche ehrlichen Herzens an die Sache, die sich letztendlich als Lügengebilde erwies, geglaubt hatten. Wer weiß schon immer genau, was Gut und Böse ist?

Dazu fällt mir sei mir an dieser Stelle noch ein Beispiel gestattet: 1942 trafen auf dem hiesigen Bahnhof schon einmal Transporte aus der Sowjetunion ein. Beutegüter aus den von Hitler-Deutschland okkupierten Gebieten.  Eines Tages traf eine Ladung Metallgüter in Küstrin-Kietz. Zwei mit der Ausladung beschäftigte Arbeiter der in der Nähe ansässigen Firma „Zickelbein“ entdeckten zwischen dem Metall eine Lenin-Büste. Beide Arbeiter standen der verbotenen “ Kommunistischen Partei Deutschlands“ innerlich nah. Mit den Nazis hatten sie nichts am Hut. Kurzentschlossen verbuddelten sie die Lenin-Büste in der Nähe der schon damals vorhandenen Bahnhofsbrücke. Ein eher symbolischer, eigentlich nutzloser Akt. Die Büste wurde zwar nicht wie vorgesehen eingeschmolzen und der Waffenproduktion zur Verfügung gestellt, aber der Weltkrieg ging deshalb keine Sekunde früher zu Ende. Dennoch glaubten die Männer etwas gutes getan zu haben. Lenin galt ihnen als humanes Gegenstück zum verhassten, brutalen Diktator Hitler. Grund genug das eigene Leben für den Erhalt der Büste zu riskieren? Stilles Heldentum? Fanatismus? Oder einfach nur Leichtsinn? Wahrscheinlich liegt die Wahrheit einmal mehr irgendwo dazwischen. Ob die Männer wussten, dass auch an Lenins Händen Blut klebte? Das sie ihr Leben für die Büste eines anderen Diktators in Gefahr gebracht hatten?

Über das weitere Schicksal der beiden todesmutigen Arbeiter ist nichts bekannt. Die Lenin-Büste wurde nach dem Zweiten Weltkrieg gefunden und von den neuen Machthabern vor dem eben erst erbauten Kulturhaus aufgestellt. Dann kam die Wende. Der Lenin-Büste drohte abermals das Schicksal eingeschmolzen zu werden. Wieder fand sich jemand, der die Büste vor der physischen Vernichtung bewahrte. Die Todesstrafe drohte dem Mann zwar nicht mehr, dafür geriet er jedoch in Gefahr, als “ Ewiggestriger“ abgestempelt zu werden.  Wie dem auch sei: Das Denkmal „überlebte“ in einem Garten und soll nun demnächst, am sowjetischen Ehrenfriedhof, neben der ehemaligen Dorfschule, seinen endgültigen Platz finden. Spätestens an dem Tag der Aufstellung wird sich zeigen, ob das Gerücht von einer Teilnahme des russischen Präsidenten Wladimir Putin, tatsächlich der Wahrheit entspricht.

Geschichten rund ums Kulturhaus

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Lassen Sie uns nun hinüber zum bereits kurz erwähnten Kulturhaus gehen. Das “ Kulturhaus Küstriner Vorland“, so der offizielle Name des imposanten Hauses, blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück.

1956, nur elf Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, erbaut, firmierte das imposante Gebäude zunächst unter der Bezeichnung “ Kulturhaus der Eisenbahner“.  Unter dem Dach des Kulturhauses feierten nicht nur Eisenbahner. Sondern alle die mit dem Dorf in Verbindung standen: unter anderem LPG-Bauern, die Arbeiterinnen und Arbeiter des Armaturenwerkes, Sowjetsoldaten, Grenzer und Zöllner.  An vielen Wochenenden im Jahr fanden im Saal des Kulturhauses Tanzveranstaltungen statt. Der “ Landfilm“ präsentierte die neuesten Kinohits.

Falls jetzt jemand auf den Gedanken kommen sollte, dass den Bewohnern früher in kultureller Hinsicht mehr geboten wurde als heute, dann hat er leider den berühmten Nagel auf dem Kopf getroffen.

Ende Juni 1979 weilte ich nicht nur zum ersten Mal in meinem damals noch sehr jungen Leben im Innern des Kulturhauses, sondern sogar in Kietz überhaupt. Anlässlich des feierlichen Abschlusses eines zweiwöchigen “ vormilitärischen Ausbildung“ im “ Lager für Arbeit und Erholung“ in Gusow.

Über sieben Jahre später, am ersten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1986, landete ich, eher zufällig, zusammen mit ein paar Kumpels, eher zufällig in Kietz. Wir strolchten damals “ tatendurstig“ durch die Disco-Veranstaltungen in der Umgebung. Kietz hatten wir eigentlich nicht auf dem Schirm. “ Was willst du denn in Kietz? Dort gibt es doch Russen“, so oder so ähnlich lautete die Antwort, wenn jemand von uns einen Abstecher in das östlichste Dorf des damaligen Kreises Seelow vorschlug.

Irgendwie verschlug es uns am späten Abend, kurz vor Mitternacht, dann doch ins bereits überfüllte “ Kulturhaus der Eisenbahner“.  Wahrscheinlich aus Langeweile, weil anderswo nichts mehr los war.  Mein zukünftiges Heimatdorf, wovon Weihnachten 1986 natürlich noch keine Rede war, empfing mich ausgesprochen unfreundlich. Mit Mühe und Not  gelang es mir am „übervölkerten“ Tresen ein Bier zu ergattern. Kaum wieder zurück am Tisch, spuckte bereits ein schmächtiger Junge ins volle Glas. Gerade als ich den offenbar “ lebensmüden“ Knaben am Kragen packen und zur Rede stellen wollte, sahen wir uns von einer Meute sehr viel größerer, gar nicht schmächtiger “ Eingeborener“ umzingelt.

Wie ich später, sehr viel später, von meinem Nachbarn erfuhr, gehörte es in Kietz zur Tradition, einen  vermeintlich Schwächeren vorzuschicken, um Streit mit Fremden zu provozieren. Gingen der Fremde oder die Fremden auf die Provokation ein, fanden sich schnell ein paar “ Retter“, um dem Kleinen aus der Patsche zu helfen.  Vorfälle dieser Art ereigneten sich überall im Oderbruch und wurden, fast immer, ohne die Hilfe der Polizei ausgetragen.

Als kurz vor den Abschlussprüfungen stehender (Volks)polizeischüler, wollte ich mir meine Zukunft nicht durch eine schnöde Tanzbodenprügelei versauen. Obwohl es sicherlich ein guter Anlass gewesen wäre, die erlernten Zweikampftechniken gewissermaßen in der Praxis zu erproben.  Dazu kam es jedoch nicht. Wir zogen es vor, schleunigst den Rückzug anzutreten.  Ich schwor mir danach, “ dieses verdammte Nest nie mehr zu betreten.“  Ein Schwur, den ich bald komplett untreu werden sollte.

Keine drei Jahre später stand ich erneut vor dem Kulturhaus. Diesmal nicht als profaner Discogänger. Sondern als Angehöriger des “ Volkspolizeikreisamtes“ Seelow. Mein  Auftrag lautete, auf dem Vorplatz des Kulturhauses, zwei Bereitschaftspolizisten in Empfang zu nehmen, die mich bei der “ Sicherung des Hinterlandes der Staatsgrenze im Raum Kietz“, unterstützen sollten.

Ein grüner Mannschaftswagen  Typ “ LO“, verteilte die aufgesessenen Bereitschaftspolizisten in die einzelnen Grenzabschnitte. Schwungvoll sprang ein junger Leutnant aus der Fahrerkabine, brüllte  Namen inklusive der zugehörigen Dienstgrade und schon standen mir zwei strammstehende Wehrpflichtige gegenüber. Für die ich in den kommenden Stunden Verantwortung tragen sollte. Salutierend unterstellt sie der Offizier meiner Befehlsgewalt.

Immer wenn ich heute an der Stelle stehe, kommt mir die Begebenheit, wie so vieles aus der „Lebenszeit“ der untergegangenen DDR, seltsam unwirklich vor.  Eigentlich eine alberne Episode. Die mich jedoch zu diesem Zeitpunkt, durchaus mit Stolz erfüllte. Militärische Rituale haben nun einmal ihren eigenen Reiz.

Ein ganzes Jahrzehnt sollte ins (Oder)land gehen, bis ich das Kulturhaus wieder betrat. Viel war geschehen in den letzen zehn Jahren. Ich erspare mir und dem Leser an dieser Stelle, eine vollständige Auflistung der Ereignisse. Nur so viel: Kietz hieß wieder Küstrin-Kietz, die “ Russen“ hatten ihre Kasernen an der Oder für immer verlassen, das Armaturenwerk seine Pforten, ebenfalls für immer, geschlossen und durch den vormals so stillen Ort rollten täglich tausende Autos in Richtung Grenze.  Eisenbahner gab es im Dorf nur noch wenige.  Statt der gewohnten  “ Grenzabschnittsposten“ der Grenztruppen, patrouillierte der Bundesgrenzschutz auf, vor und hinter dem Oderdeich.

Richtig vorwärts schien es mit dem versprochenen “ Aufschwung Ost“, trotz vieler, unbestreitbar positiver Aspekte, nicht zu gehen.  Neben dem Armaturenwerk, schien nun auch das Kulturhaus zu den “ Opfern der Wiedervereinigung“ zu gehören.  Gefeiert wurde in den ersten Jahren immer seltener. Eines Tages stand der frühere kulturelle Mittelpunkt des Dorfes völlig leer. Nach und nach drangen Diebe ins Haus ein, klauten alles was noch von Wert schien.

1999 nutzte ich ein offenes Fenster, um das verwaiste Kulturhaus in Augenschein zu nehmen. Eines von jenen Wiedersehen, von dem man sagt das sie schmerzen. Obwohl ich eigentlich kaum oder zumindest keine besonders positiven Erinnerungen mit dem Haus verbanden.

Trotzdem-der Anblick des von Vandalen halb zerstörten Foyers, der verwüsteten Bühne und des geplünderten Parkettbodens im Saal, taten einfach nur weh! Dazu diese, die Nerven strapazierende Stille.  Ich suchte nach dem Platz, an dem ich dreizehn Jahre zuvor fast eine Tracht Prügel bezogen hatte.  Zwischen all dem Gerümpel, Reste vom Inventar, Altpapier und Glasscherben, wollte mir die Erinnerung an einen Disco-Abend nicht gelingen. Eine Maus, wuselt, aufgescheucht von meinen Tritten, panisch vorüber. Unter meinen Füßen knirscht es verdächtig. Ich bin auf die Scherben eines Bierglases, stummer Zeuge besserer Tage, getreten. Nichts wie raus, aus diesem Gespensterhaus.

Selbst die größten Optimisten hätten keinen Pfifferling mehr auf das allmählich zur Ruine verkommende Kulturhaus mehr gesetzt.  Aber manchmal geschehen noch Zeichen und Wunder! Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends brach auch für das Kulturhaus wieder ein neues Zeitalter an. Auf Initiative der Großgemeinde “ Küstriner Vorland“, zu der seit einiger Zeit, neben Manschnow und Gorgast auch Küstrin-Kietz gehört, aufwendig renoviert, dient es fortan wieder seine ursprüngliche Aufgabe, als kulturelles Zentrum.  Und zwar als kulturelles Zentrum der gesamten Großgemeinde! Foyer und Tanzsaal erstrahlen in einem noch schöneren Licht als früher. Der obere Bereich dient lokalen Vereinen als Domizil. Zweimal im Monat hält der Ortsvorsteher im Kulturhaus eine öffentlichen Sprechstunden ab.  Manch ein  Prominenter hat seitdem den Weg ins Küstrin-Kietzer Kulturhaus gefunden. Allen voran Bundespräsident Joachim Gauck, der sich im August 2012 in Küstrin-Kietz mit seinem polnischen Amtskollegen traf. Allerdings nicht, um dem Ort selbst, sondern einem Rockfestival im benachbarten Kostrzyn einen Besuch abzustatten.

 

Immerhin: der Bundespräsident war hier. Welches “ Tausend-Seelen-Nest“ kann das schon von sich behaupten?  Als Hobbyfotograf und Hobbyhistoriker habe ich mir die Gelegenheit das Oberhaupt der Bundesrepublik Deutschlands aus der Nähe zu betrachten und abzulichten, aus wohl verständlichen Gründen nicht entgehen lassen. Bereits lange vor dem Eintreffen des per Hubschrauber einfliegenden Bundespräsidenten, hatte sich eine große Menge von Journalisten und Fotografen auf dem Vorplatz des Kulturhauses versammelt.  Unweit, auf dem Hof zweier benachbarter Wohnblöcke, standen Übertragungswagen bereit.  Aufmerksamen Blickes behielten wachsame Polizisten das Geschehen im Auge.  Einige von ihnen kannte ich seit vielen Jahren. Ich gab mir große Mühe, von ihnen nicht entdeckt zu werden.  Welcher Polizist möchte vor den eigenen Kollegen schon als “ Paparazzo“ dastehen?

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Bundespräsident Gauck wird von der ältesten Bewohnerin von Küstrin-Kietz begrüßt.

Allmählich mischten sich immer mehr Dorfbewohner unter die Vertreter von Presse, Funk und Fernsehen. Was mir das „Abtauchen“ ungemein erleichterte.  Nach einer Weile näherte sich aus südwestlicher Richtung, der Hubschrauber des Bundespräsidenten. Dem Vernehmen nach, soll er dabei direkt, quasi im Tiefflug, über mein Grundstück gedüst sein.

Jedenfalls landete der Hubschrauber auf dem Sportplatz hinter dem Kulturhaus. Lässigen Schrittes erschien der höchste Repräsentant Deutschlands schließlich vor dem Eingang des Kulturhauses. Umringt von mehreren Anzug tragenden Bodyguards. Um möglichst nahe an Gauck heranzukommen, mischte ich mich, meine preiswerte Kompaktkamera in den Händen haltend, rotzfrech unter die Profi-Fotografen. Ein Anblick wie aus einer Satire-Show. Der mir einen kurzen, aber amüsierten Blick des Bundespräsidenten einbrachte. Und ein paar gute Fotos, die mir sonst nicht gelungen wären.

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Joachim Gauck erwies sich als Mann des trockenen Humors. Als sich ein der Reporter eines Radiosenders bei ihm erkundigte, “ ob er in der Lage wäre, ein paar Fragen zu beantworten“, antworte das Staatsoberhaupt knapp mit “ Ja“, wandte sich um und ließ den verdutzten Radiomann wie einen Schuljungen stehen.

Die anschließende Begrüßung durch die älteste Einwohnerin von Küstrin-Kietz, einer fast neunzigjährigen gewissen Frau Lehmann, fällt eher unter die Kategorie “ unfreiwilliger Humor“.  “ Ich finde es schön, dass ich Sie endlich kennen lerne“, sprach Gauck während ihm die Greisin verzückt die Hände schüttelte.

Unfreiwilliger Humor oder einfach nur eine typische Politiker-Floskel? Schwer vorstellbar, dass das Staatsoberhaupt während des Anfluges , hibbelig, voller Vorfreude nun endlich Frau Lehmann aus Küstrin-Kietz ins runzlig gewordene Antlitz blicken zu dürfen, im Hubschrauber gesessen hat.

Egal. Frau Lehmann hat diesen Moment sichtlich genossen. Mir wäre es nicht anders ergangen. Und ich hätte dem Bundespräsidenten sicherlich auch geglaubt!  Es gibt Augenblicke im Leben, da glaubt man sogar Politikern einfach alles. Sogar das sie sich freuen, unser eins endlich kennen lernen zu dürfen.

Neben dem Bundespräsidenten weilte in jüngerer Vergangenheit ein weiterer bekannter deutscher Politiker im Kulturhaus von Küstrin-Kietz: Gregor Gysi.  Ich brauche den Mann und dessen Qualitäten, an dieser Stelle gewiss nicht extra vorstellen.  Der nur körperlich kleine Gysi gehört nicht nur zu den berühmtesten, sondern obendrein zu den am stärksten polarisierenden seiner Zunft in Deutschland. Lange schien es, als ob man ihn entweder lieben oder hassen müsste.  Die einen sehen in Gregor Gysi einen “ Ewiggestrigen“, der lieber heute als morgen die Allmacht der SED wieder herstellen und über ganz Deutschland ausbreiten möchte. Für andere ist er dagegen noch immer das Sinnbild eines für soziale Gerechtigkeit kämpfenden Heilsbringers der Menschheit.

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Gregor Gysi während einer Veranstaltung im Kulturhaus Küstrin-Kietz

Weder das eine noch das andere entspricht den Tatsachen. Im März 1990 habe ich Gregor Gysi, auf einer Wahlveranstaltung der SED-PDS, in Seelow, live erlebt. Fast auf den Tag genau fünfundzwanzig Jahre später, diesmal in Küstrin-Kietz, zum zweiten Mal. Zwischen beiden Auftritten lag nicht allein ein Vierteljahrhundert. Dazwischen lagen Welten. Aus dem kämpferischen Parteivorsitzenden von 1990, war ein nonchalanter Polit-Talker geworden. Der pointiert plaudernd, Anekdoten aus seinem bewegten Politiker-Leben, zur Gaudi des Publikums, zum Besten gab. Augenzwinkernd berichtete er von Zusammentreffen mit Vertretern anderer politischer Lager, mit denen er sich, hinter den offiziellen Kulissen, viel besser verstand als gemeinhin angenommen.

Das “ Enfant terrible“ hat längst seinen Frieden mit der Bundesrepublik Deutschland von heute geschlossen. Und die Bundesrepublik Deutschland von heute mit ihm.

Es ist an der Zeit, dass Kulturhaus zu verlassen und den Weg fortzusetzen. Wir gehen vorbei an dem bereits erwähnten, letzten aus der Vorkriegszeit übrig gebliebenen Wohnhaus. Und am neuen Gebäude der Feuerwache, an dessen Stelle bis 1945 die von Johannes Hagedorn betriebene Gaststätte “ Zur Ostbahn“ stand.

Wer jetzt ebenfalls an anderer Stelle bereits erwähnte, von Andy Steinhauff verfasste Buch “ Küstrin und sein Kietz“ zur Hand hat, kommt, auf Grund des schier unfassbaren Kontrastes zwischen Früher und Heute, beim Betrachten der historischen Fotos. aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Man muss aufpassen, Angesichts des verlorenen Glanzes, nicht vollends den Mut zu verlieren.

Auf den Spuren des alten Kietz / Von der Ziegeleistraße über die Kleine Friedensstraße zurück zur Karl-Marx-Straße

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Nach wenigen hundert Metern biegen wir in die Ziegelei-Straße ab. Jetzt haben wir das ursprüngliche Dorf Kietz erreicht.

Wie jetzt, Kietz? Ich denke der Ort hieß schon immer Küstrin-Kietz. Der Ortsname wurde nur in der DDR-Zeit verstümmelt. Mhmm….. Ja. Immer schön der Reihe nach: Das Territorium des heutigen Küstrin-Kietz ist nicht völlig mit dem Gebiet von vor 1945 identisch. Küstrin-Kietz setzt sich heute aus den historischen Arealen der “ Langen Vorstadt“, dem bis 1930 eigenständigen Dorf Kietz, Teilen der “ Altstadt“ und der  so genannten “ Kuhbrückenvorstadt“ zusammen.

Das, wie gesagt lange Zeit selbstständige Dorf Kietz, umfasste in etwa das heutige Gebiet zwischen der Ziegelei-Straße, der Friedensstraße und der Wilhelm-Straße.  Gegen die Eingemeindung in die Stadt Küstrin haben sich die Kietzer lange Zeit erfolgreich zur Wehr gesetzt.  Stellte jetzt die “ Kupierung“ des Ortsnamens nach dem Zweiten Weltkrieg durch die DDR, eine Wiederherstellung der geschichtlichen Gerechtigkeit, zumindest in einem Teil des Ortes, dar? Schließlich wollten die Kietzer schon immer nichts anderes als Kietzer, nicht jedoch Küstriner oder Küstrin-Kietzer sein.

Nein.   Eine wie auch immer geartete “ Geschichtliche Gerechtigkeit“ bestimmt nicht im Sinn! Vielmehr kam es ihnen darauf an, die Geschichte der Region in ihrem eigenen Sinn zu verbiegen.

Ehe wir in die benachbarte “ Kleine Friedensstraße“ abbiegen, werfen wir noch einen kurzen Blick auf das nach Kriegsende an Stelle einer zerstörten Kirche erbauten “ provisorischen“ Gotteshaus. Friedlich grast ein Pony neben der im Freien angebrachten Kirchenglocke.

Die “ Kleine Friedensstraße“ hieß bis vor kurzem einfach nur Friedensstraße. Wie andere Friedensstraßen in Deutschland eben auch. Aber da es in der Großgemeinde Küstriner Vorland in jedem Ortsteil eine Friedensstraße gab, was  etliche fehlgeleitete Postsendungen zur Folge hatte, entschieden sich die Gemeindevertreter für den etwas seltsam klingenden Namen “ Kleine Friedensstraße“.

Nirgendwo wirkt Küstrin-Kietz heruntergekommener, als in der “ Kleinen Friedensstraße“.  Schuld an diesem Eindruck sind hauptsächlich die heruntergekommenen Wohnblöcke. Mit ihren vielen leeren Fensterhöhlen und den verwitterten Fassaden.  Billiger, überwiegend HARTZ IV-Empfängern zur Verfügung gestellter Wohnraum. Kohleöfen statt kuschliger Fernwärme.  Mal wieder reicht die Phantasie kaum aus, um sich vorzustellen das diese “ Löcher“ einmal sehr begehrt waren.  In der DDR galten Neubauwohnungen als “ Goldstaub“.  Aber die DDR ist bekanntlich längst Geschichte. Und in manchen Wohnungen dürfte seit dem Ende des “ Arbeiter und Bauernstaates“ nicht mehr renoviert worden sein.

Vor dem Krieg existierten in der Friedensstraße mehrere gut gehende Bauernwirtschaften. Zu den hier über Generationen wirtschaftenden Bauern gehörte unter anderem die über Küstrin und Kietz verteilte Familie Hamann.  In der Friedensstraße Nummer 20 wohnte in den Dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts der Bauer Bernhard Hamann. Der sich nicht nur  an Ackerbau und Viehzucht, sondern auch für die  gerade an die Macht gekommenen Nazis begeisterte. Bernhard  prügelten sich in Küstrin des Öfteren mit den verhassten “ Sozis“. Er gehörte zu den ersten Mitgliedern der NSDAP im Ort. Wenig später trat der begeisterte Pferdeliebhaber in die gerade aufgestellte “ Reiter-SS“ ein. Eine “ Bilderbuchkarriere“, die allzu oft direkt ins Verderben führte. Oder Verderben über andere brachte.

Wie jeder andere Mann in seinem Alter, suchte sich Bernhard eine Ehefrau. Er fand sie in dem ca. dreißig Kilometer westlich gelegenen Wilhelmsaue.  Der Nachname der Auserwählten, Wallach, lies jedoch vermuten, dass mit ihr, den damaligen hochgradig bescheuerten Maßstäben nach, “ etwas nicht stimmte“.  Sprich: Die Dame besaß jüdische Wurzeln. Sie war eine (damals) so genannte “ Halbjüdin“ und damit für einen überzeugten Nazi wie Bernhard Hamann eigentlich tabu. Für ein Mitglied der “ glorreichen Reiter-SS“ sowieso. Niemals hätte er von seinen Vorgesetzten die erforderliche Heiratserlaubnis bekommen. Dennoch versuchte er diesen zunächst. Die Reaktion der “ Obernazis“ fiel erwartungsgemäß harsch aus. “ Entweder du trennst dich von dem Weib. Oder wir trennen uns von Dir! Sei dir dann aber auch den etwaigen Konsequenzen bewusst“, machte ihm sein Vorgesetzter unmissverständlich klar.

Bernhard Hamann zögerte nicht einen Moment. Er entschied sich, anders als von den Vorgesetzten und so wahrscheinlich manchem Leser erwartet, gegen die Mitgliedschaft in NSDAP und SS. Stattdessen entschied er sich für eine Ehe mit jenem Fräulein Wallach.

Hatte sich am Ende die Liebe gegenüber der Ideologie als stärkere Kraft erwiesen? War Bernhard Hamann in Wirklichkeit doch kein überzeugter, höchstens ein vorübergehend verblendeter Anhänger des Hitler-Regimes?  Oder hatte ihm die direkte Konfrontation mit den „Rassegesetzen“ der Nazis gezeigt, mit was für einem Pack er sich da eigentlich eingelassen hat?

Einmal mehr müssen viele Fragen offen bleiben. Wie dem auch sei: Bernhard Hamann gebührt für diesen nicht nur hochanständigen, sondern obendrein hochgefährlichen Schritt, noch heute höchste Anerkennung! Fakt ist, dass ihm, außer dem “ Verlust“ der Mitgliedschaften bei besagten “ braunen Haufen“, nichts passierte. Seiner Frau und den später geborenen Kindern übrigens auch nicht. Niemand wurde verhaftet. Niemand kam in ein Konzentrationslager.

Über die Gründe dieser ungewöhnlichen Schonung, kann nur, ich wage es kaum zu schreiben, wiedereinmal nur spekuliert werden. Möglicherweise hatte Bernhards Bruder Alfred, ebenfalls ein NSDAP und SS-Mitglied, allerdings bis zum bitteren Ende des Regimes, die Hände schützend über die Familie seines Bruders gehalten.

Den neuen Machthabern interessierte nach dem Ende Hitler-Deutschlands lediglich die zeitweilige Nähe des Bauern Bernhard Hamann zum Naziregime, nicht jedoch die baldige Abkehr. Und schon gar nicht die Gründe welche Bernhard Hamann von den Nazis abkehren ließ.  Der kommunistische Bürgermeister von Kietz enteignete die Familie Hamann, weil er in Bernhard einen NS-Funktionär erkannt haben wollte.

Jetzt halfen jedoch die angeheirateten Verwandten in Wilhelmsaue. Dank ihrer Vermittlung konnte Bernhard dort einen Hof übernehmen, dessen Besitzer sich in die “ Westzonen“ abgesetzt hatte. Wie auch Bruder Alfred. Der später in Köln eine Karriere als Justizvollzugsbeamter einschlagen sollte. Angesichts seiner Vergangenheit zumindest fragwürdig.

Bernhard Hamann verstarb, relativ jung, bereits Anfang der Siebziger Jahre. Seine Frau verstarb, knapp hundertjährig, erst vor kurzem.

Der Hof wurde, bis nach der Wiedervereinigung, von Bernhards Sohn und dessen Familie bewohnt. Warum nur bis zur Wiedervereinigung? Weil im Jahre 1991 plötzlich der ursprüngliche Besitzer auftauchte. Derselbe der sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gen Westen “ verpisst“ und offenbar jahrzehntelang kein Interesse an seinem Hof verspürt hatte.  Nun aber offerierte er der erschrockenen Familie, “ dass sie sich auf seinem Eigentum befänden, diesen zwar nicht verlassen, dafür jedoch monatlich gute eintausend DM Miete bezahlen müssen.“

Die Summe überstieg das Budget der in den Sog der Arbeitslosigkeit geratenen Familie Hamann erheblich. Aber konnte der vorherige Besitzer so einfach auftauchen und Forderungen stellen?

Leider ja! Bernhard Hamann hatte seinerzeit den  verwaisten Hof zwar übernommen, jedoch keinen Pfennig dafür bezahlt. Der Vorbesitzer konnte für sich in Anspruch nehmen, seinen Besitz zwar, der besonderen Umstände wegen, verlassen, aber nicht aufgegeben zu haben. Zu keinem Zeitpunkt wurde zwischen ihm und der Familie Hamann irgendein rechtsgültiger Vertrag abgeschlossen. Weder ein Miet oder Nutzungsvertrag. Und schon gar kein Kaufvertrag.

Rechtlich befand sich jener Herr  aus den “ Alten Bundesländern“ auf der sicheren Seite. Moralisch gesehen befand er sich im Begriff, eine ungeheure Schweinerei zu begehen. Wohl wissend das ihm hier keine große Gegenwehr entgegenschlagen wird, bestand er weiter auf seine, wie gesagt, moralisch mehr als fragwürdigen Ansprüche. Das Ehepaar zog zunächst nach Letschin und dann weiter nach Bayern. Der “ Hamann-Hof“ ist heute ein Kinderheim. Und das Klischee vom “ arroganten gefühllosen Wessi“ hat ein neues bestätigendes Beispiel gefunden.

Der alte Kietzer Friedhof

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Wenn wir schon mal in der (Kleinen) Friedensstraße sind, sollten wir uns einen Besuch des “ Alten Kietzer Friedhofs“ auf keinen Fall entgegen lassen.

Wir betreten den bereits vor gut fünfzig Jahren stillgelegten Friedhof durch ein weißes Tor. Den Begriff “ einladendes“ verkneife ich mir an dieser Stelle lieber. Friedhöfe sollten nun wirklich nicht einladen wirken. Dieser hier schon. Dieser Friedhof ist etwas ganz besonderes. Letzte Ruhestätte und historisches Einwohnermeldeverzeichnis des Dorfes Kietz in einem.

Vor dem Eingang informiert eine Schautafel über die Geschichte des Gottesackers. Der Friedhof nimmt seinen Anfang im Jahre 1820. Jenem Jahr in dem der erzwungene Umzug der “ Langen Vorstadt“ und des vormaligen Fischerdorfes Kietz von der Oderinsel, und der Wiederaufbau an heutiger Stelle, endgültig zum Abschluss gebracht werden konnte.

Über die genauen Umstände dieses Umzugs später mehr.

Im August 1820 erfolgte die ersten beiden Beerdigungen auf diesem neu angelegten Friedhof. Besonders tragisch: Bei den Verstorbenen handelte es sich um die zu diesem Zeitpunkt fünf und zweijährigen Töchter einer Familie Kuhnert. Deren Grabdenkmal ist noch heute erhalten.  Dorothea Sophia und Caroline Luise hießen die Mädchen. Über die Gründe ihres frühen Todes gibt der Grabstein keine Auskünfte. Die kurz aufeinander folgenden Todestage lassen auf eine heimtückische Epidemie schließen.

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Nirgendwo anders  im Ort zeigen sich die Spuren des hoffentlich letzten Weltkriegs deutlicher, als hier. Kaum ein Grabstein, der keine Einschüsse aufweist. Nachdem Krieg entstand in unmittelbarer Nachbarschaft, eine Kaserne der sowjetischen Armee. Fortan lag der Friedhof im militärischen Sperrbezirk. Durfte also, von den „normalen“ Einwohnern nicht mehr betreten werden. Nach und nach eroberte sich die Natur das im 19. Jahrhundert an das neu entstandene Dorf Kietz verlorene Terrain zurück. Die Gräber verschwanden unter wucherndem Gestrüpp. Bedauerlicherweise wurden nicht wenige Grabsteine zerschlagen und / oder als Baumaterial verwendet.

Nach dem Abzug der „Russen“, im Frühjahr 1991, endete der Dornröschenschlaf des keineswegs vergessenen Friedhofs. Engagierte interessierte Bürger, legten unter der Leitung des in Kietz aufgewachsenen, heute in Lübeck lebenden Dr. Joachim Rohr, das Areal wieder frei.

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Beim Betrachten der zahlreichen, noch vorhandenen Grabsteine bekommt man eine Menge Familiennamen präsentiert, die im heutigen Küstrin-Kietz niemand mehr kennt. Brutschke, Nielow, Dohrmann, Hamann, Klepsch, Tismer, Niglafe, Schindler, Häusler, Wilke, sind nur einige von ihnen.

Gutsbesitzer gab es in Kietz mehrere. Sogar “ Kietzergutsbesitzer“, wie auf einigen Grabsteinen vermerkt ist.  Die Berufsbezeichnung Fischer sucht man allerdings vergeblich. Dabei übten die Kietzer, bis zur Umsiedlung, hauptsächlich diesen Beruf aus. Offenbar waren innerhalb eines Jahrhunderts aus Fischern, wohlhabende Bauern geworden. Deren Gehöfte sich über das gesamte Dorf  verteilten. Das reiche Bauerndorf Kietz bildete lange Zeit so etwas wie eine Insel, in Mitten der preußischen Soldatenstadt Küstrin. Die stolzen Bauern bewahrten bis 1930 ihre Eigenständigkeit. Wer sich über diesen Eigensinn wundert, dem sei gesagt, dass der “ Mythos Küstrin“, wie er heute in einigen Köpfen herumgeistert, erst nach dem Untergang entstanden ist.  Dieses Küstrin war unzweifelhaft eine Stadt mit großer historischer Bedeutung. Aber eben nur eine von vielen. Und keineswegs die bedeutendste.

Bauernhöfe die wenigstens noch einen müden Abklatsch vergangenen Glanzes erahnen lassen, findet man heute noch allenfalls vereinzelt in der Wilhelmstraße und am Rosendamm. Alle übrigen fielen 1945 in Schutt in Asche. Hin und wieder ragt noch ein steinerner Torpfeiler aus dem Gestrüpp heraus. Wer von den Bauern den Krieg überlebte, suchte zumeist anderswo sein Glück. Im Frühjahr 1945 ist nicht nur die preußische Soldatenstadt Küstrin, sondern auch das Bauerndorf Kietz für alle Zeiten versunken. Der Krieg hatte alle Strukturen weitgehend zerstört. Sowohl die familiären als auch die des Dorfes selbst.

Vögel singen in den Wipfeln der auf dem Friedhof wachsenden Bäume.  Fernab röhrt der Motor eines vorbeifahrenden Autos kurz auf. Danach legt sich wieder  wohltuende Stille über den Gottesacker. Die Erkenntnis eigener Vergänglichkeit drängt sich  beim Lesen der Inschriften auf den Grabsteinen förmlich auf.  Hier haben einst Menschen versucht ihre unbändige Trauer, verbunden mit dem Wunsch nach einem “ Wiedersehen“ in Worte zu fassen.  Um dann später selbst Gegenstand unbändiger Trauer zu werden. Ein ewiger, bislang von niemanden unterbrochener Kreislauf.  Endlich ist nicht nur das eigene Leben. Sondern auch einstige, vermeintliche oder tatsächliche, persönliche Bedeutung. Wem interessieren später noch Titel, Dienstgrade und Berufsbezeichnungen? Wem kümmert es, ob der hier ruhende Schulden hatte, faul oder fleißig war?

Und doch-niemand geht so ganz. Wenigstens ein kleines Andenken bleibt der Nachwelt, zumindest einige Zeit erhalten. Jeder Mensch hinterlässt im Leben Spuren. Auch wenn diese, zumeist, im Laufe der Zeit verwehen. Zumindest für einige Zeit, sind wenigstens die Namen der hier ruhenden, einstigen Einwohner für die Nachwelt präsent geblieben.

Zum Abschluss unseres Besuches werfen wir noch einen Blick auf das Denkmal für die im Frühjahr 1945 im Kampf um Küstrin-Kietz gefallenen deutschen Soldaten.  Unterhalb eines großen Holzkreuzes befindet sich eine Metallplatte mit den Namen, Geburts und Todesdaten besagter Soldaten.  Viele von ihnen hatten noch nicht einmal richtig gelebt. Elendig krepiert, “ Fünf Minuten vor Toresschluss“. Für einen größenwahnsinnigen Verbrecher. Verscharrt in fremder Erde. Fernab der Heimat.

Nach dem Verlassen des Friedhofes gehen wir noch einmal in Richtung der Neubaublöcke, gehen aber dann nach rechts in die Marktstraße.  Innerhalb eines umzäunten Geländes residierte bis vor kurzem der Zoll. Von hier aus brachen Zöllner, in grün-weißen Streifenwagen, zur täglichen Schmugglerjagd auf. Seitdem Abzug des Zolls, im Jahre 2015, verfügt Küstrin-Kietz über ein leerstehendes Areal mehr.

Den erkennbar seit längerer Zeit leerstehenden, sich dem ehemaligen Zoll-Objekt anschließenden Gebäuden sieht man ihre “ DDR-Vergangenheit“ förmlich an. Gitter vor den unteren Fenstern, Befestigungen für Fahnenstangen am Gebäude selbst, Stacheldraht über dem Zaun und vor dem Eingangstor eine gut erhaltene, wenn auch nicht mehr funktionstüchtige Wechselsprechanlage. Erbaut als Unterkünfte für Angehörige der “ Deutschen Grenzpolizei“, dem Vorläufer der Grenztruppen der DDR, dienten später sie bis zuletzt, der “ Nationalen Volksarmee“ als “ Bezirksversorgungslager“.

So steht es jedenfalls in den wenigen vorhandenen Quellen. Was die NVA in diesem entlegenen Außenposten tatsächlich trieb, darüber schweigen noch heute die Götter. Interessieren würde es mich schon. Immerhin wurde im Herbst 1989 schon einmal laut darüber nachgedacht, dass dort bald wieder eine Kompanie Grenzsoldaten einziehen könnte. Es gab nicht wenige Verantwortliche innerhalb von Grenztruppen und Volkspolizei, die sich eine dauerhaft verstärkte „Sicherung“ der “ Oder-Neiße-Friedensgrenze“ durchaus vorstellen konnten.

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ehemaliges NVA-Objekt in der Marktstraße von Küstrin-Kietz

 

Dazu ist es jedoch nie gekommen. Nach der Eröffnung des Grenzüberganges Küstrin-Kietz, im November 1992, zog der Zoll für einige Zeit in das frühere NVA-Objekt ein. Anfang 1996, gegen Mitternacht, durfte ich das direkt an der Straße stehende Gebäude sogar von innen sehen. Mir war, während einer nächtlichen Streife gelungen, eines polnischen Zigarettenschmugglers habhaft zu werden. Sechshundert Stangen unverzollte Zigaretten. Verpackt in mehreren Taschen, befanden sich an Bord des nach einer kurzen Verfolgungsjagd, in Manschnow gestellten Schmugglers. Der dem üblichen Klischee übrigens keineswegs entsprach.  Offenbar wollte sich der junge, aus einem Dorf gleich hinter der Staatsgrenze, lediglich seinen knappen Lebensunterhalt durch den Transport geschmuggelter “ Fluppen“ aufbessern. Wäre er in Manschnow, anscheinend durch das sich zufällig hinter ihm auftauchende Polizeifahrzeug in Panik geraten, nicht bei “ Rot“ über die Kreuzung gerast, hätten wir ihn in der kalten feuchten Nacht, überhaupt nicht angehalten. Pech gehabt mein Junge!

Auf den für solche Fälle eigentlich zuständige Zoll brauchten wir nicht lange warten. Da die Zoll-Streife jedoch nur aus einem Mann und einer kleinen zarten Frau bestand, halfen wir anschließend noch beim Verstauen der “ Konterbande“ im Keller des Zollkommissariates Küstrin-Kietz.  Verdammt schwer, so eine Tasche voller Zigaretten! Ich kann nur den Hut vor den Schmugglern ziehen, welche solche Monstren in den Händen haltend, schaffen, dem Zoll oder der Polizei davon zu rennen.

Bei dem Anblick der prall gefüllten Asservatenkammer hätte manches Raucherherz höher geschlagen. Zigaretten aller gängiger Sorten harrten hier ihrer unvermeidlichen Vernichtung. Von mir aus könnte das mit allen Zigaretten, egal ob unverzollt oder nicht, geschehen.

Zigaretten lagern hier schon seit ewigen Zeiten nicht mehr. Kaum ein Fenster, dass nicht eingeschlagen wurde. Durch das schadhafte Dach sickert Regenwasser. Die früheren NVA-Häuser sind dem unvermeidlichen Verfall preisgegeben. Dank Andy Steinhauf wissen wir, dass sich an ihrer Stelle bis 1945 eine prächtige Villa befand. Welche eine Diskrepanz zwischen vergangener Pracht auf der einen, und peinlicher gegenwärtiger  Verkommenheit auf der anderen Seite.

Direkt gegenüber stand zwar keine Villa, dafür aber die Dorfschule von Kietz. Heute findet sich dort ein Eigenheim und ein, was auch sonst, leerstehendes Fleischerei-Geschäft. An dessen Existenz nur noch eine verblasste Markise erinnert. Die Inhaber dieses weit über die Dorfgrenzen hinaus beliebten Ladens, suchten ihr Glück, Anfang des neuen Jahrtausends, in Bayern. Ob sie es dort wohl gefunden haben?

Den einstigen, sich zuletzt in privaten Händen befindlichen “ Dorf-Konsum“ gibt es ebenfalls nicht mehr.  Hier hatten die mir anvertrauten Bereitschaftspolizisten, mit meiner schweigenden Duldung, im Herbst 1989, Schnaps für sich und ihre Kameraden gekauft. Jedes Mal wenn ich an dem verwaisten Laden vorbei gehe, muss ich unwillkürlich an diese Begebenheit denken und darüber schmunzeln.

Einen “ Konsum“ wie diesen, gab es bis 1990 in jedem noch so kleinen Dorf.  Ihre “ Todesstunde“ schlug, als in Seelow und Frankfurt plötzlich Discounter wie Pilze aus dem Boden schossen.  Solch ein “ Konsum“ diente der Bevölkerung nicht nur zum Einkaufen, sondern auch als Treffpunkt. Vor oder im “ Konsum“ wurden Neuigkeiten ausgetauscht, private Geschäfte abgeschlossen oder einfach nur Feierabend Bier getrunken. Der “ Konsum“ war somit Einkaufsquelle und Treffpunkt zugleich.

Vom “ Reitweiner Damm“ zum “ Pappelhorst“

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Überfallwehr an der Vorflut bei Hochwasser

Weiter geht es, immer die Karl-Marx-Straße entlang. Auf der rechten Seite schimmern immer wieder Trümmer aus dem  Buschwerk. Wieder hilft ein Blick in Steinhaufs Büchlein- die Trümmer sind nichts anderes als die kläglichen Reste einstiger Villen.

Villen? Welcher vernünftige Mensch baut denn an dieser Stelle eine Villa, mag man sich fragen. Gut, heute wahrscheinlich keiner mehr. Früher war eben alles besser, höre ich in Gedanken meinen verstorbenen Großvater sagen.

Selbstverständlich war früher durchaus nicht alles besser. Manches aber schon, wie das Beispiel Küstrin-Kietz zeigt.

Jetzt haben wir den Oderdamm, ein Paradies für Wanderer, Radfahrer und Naturfreunde aller Art, erreicht. Wir wandern ein paar Meter nach Süden, gen Reitwein, um den Damm kurzzeitig wieder zu verlassen.  Bänke laden zu einer kurzen Rast ein. Bebilderte Informationstafeln versorgen den Fremden mit den notwendigsten Hinweisen zur Geschichte der Region.

Dahinter liegen mehrere große Feldsteine scheinbar sinnlos in der Gegend herum. Für mich verbinden sich diese unscheinbaren Steine mit einer Begebenheit aus dem Oktober 1989. Während einer, der bereits mehrfach erwähnten Streifengänge, führte mich mein Weg auch in die Nähe dieser Stelle.  Auf diesen Steinen saßen zu diesem Zeitpunkt, mehrere sowjetische Soldaten vor einem Lagerfeuer. Die Soldaten kamen aus der heute fast spurlos verschwundenen Kaserne, gleich gegenüber.  Wehmütig ins flackernde Feuer starrend, sangen die Soldaten unbeschreiblich traurige, geradezu schwermütige Lieder. Man musste den Text nicht verstehen, um zu erkennen das die Soldaten ihr Heimweh bekämpften.

Ich weiß nicht, wie lange ich oben auf dem Damm stand, um den Gesang zu lauschen. Ich weiß nur, dass er mich sehr beeindruckt hatte. Das es den „Freunden“, den von der offiziellen Propaganda nicht selten zum Prototyp des Edelmenschen schlechthin verklärten Sowjetsoldaten in der DDR alles andere als gut ging, gehörte zu den offenen Geheimnissen. 1983, wenige Wochen nach meiner eigenen Einberufung zu den Grenztruppen, stattete meine damalige Einheit einer in unmittelbarer Nähe gelegenen sowjetischen Kaserne einen “ Freundschaftsbesuch“ ab. Nach  dieser eindrucksvollen Visite erschienen uns die eigenen Unterkünfte plötzlich als “ geradezu luxuriös.“  Zumindest im Vergleich zu denen sowjetischer Machart.  Dreißig Sowjetsoldaten schliefen in einem einzigen Zimmer. Wir stöhnten schon, wenn wir uns zu acht einen Raum teilen mussten. Ein unbeschreiblicher, sich aus menschlichen Ausdünstungen, Tabakrauch, den Duft von Knoblauch und Bohnerwachs gemixtes Geruchskonglomerat stieg mir beim Eintreten sofort in die Nase.

Wie wir aus dem Mund eines sowjetischen Offiziers weiter erfuhren, erhielten die Soldaten während ihres zweijährigen Aufenthaltes in der DDR, in aller Regel keinen Urlaub. Lediglich die allerbesten Soldaten durften ein einziges Mal für kurze Zeit nach Hause fahren.

Zwei Jahre? Unsereins bekam schon bei dem Gedanken nicht vor Weihnachten den ersten Urlaub zu bekommen, Heimweh. Vier lange Wochen trennten uns noch vom ersehnten Urlaubsschein. Lange Wochen? Die erdbraun “ kostümierten“ Kameraden hätten sich darüber wohl kaputt gelacht.

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Die “ Chemiker-Kaserne“ unmittelbar vor dem Abriss, im Sommer 2003

Obwohl, viel zu lachen hatten die Grundwehrdienstleistenden Sowjetsoldaten wohl nicht.  Heimweh, schlechtes Essen, knallharter Drill, dazu die Schikanen der Vorgesetzten. Davon erfuhren wir 1983 natürlich noch nichts.  “ Hinter vorgehaltener Hand“, erfuhr man jedoch bereits in der DDR genug über das freudlose Dasein der “ Freunde“.

Über das Leben der Sowjetsoldaten in den beiden Kietzer Kasernen ist mir nur wenig bekannt. Es dürfte sich jedoch kaum von dem ihrer Kameraden anderswo in der DDR unterschieden haben.  Alte Küstrin-Kietzer erzählen noch heute, von nächtlichen Plünderungen ihrer Obstbäume durch hungernde Sowjetsoldaten.

Diese Fälle von “ Mundraub“ führten immer wieder zu Spannungen zwischen der Bevölkerung und den Soldaten. Hauptmann Walter Köhler, der zuständige Abschnittsbevollmächtigte der “ Deutschen Volkspolizei“, bemühte sich aus Leibeskräften, aber durchaus nicht immer erfolgreich, diese Konflikte zu lösen.

Überliefert ist jedoch ebenfalls ein sich im Laufe der Jahre entwickelnder schwunghafter Tauschhandel. Zigaretten und / oder Schnaps gegen Benzin.  Wirklich schlechte Erinnerungen an die “ Russen“ scheint heutzutage kaum ein Kietzer zu haben.

An der Stelle der im Jahre 2004 abgerissenen Kaserne breitet sich heute Wildnis aus. Diese Wildnis überwuchert mittlerweile selbst die letzten Spuren der Sowjetsoldaten. Hin und wieder findet sich der Rest eines Stiefels. Oder ein paar Trümmer. Beim genauen Hinschauen, kann man einigen Bäumen noch die Markierungen der Postenbereiche erkennen.

Nach dem Abzug der Sowjetsoldaten, sollte im Jahr 1992 die sich gerade im Aufbau befindliche lokale Amtsverwaltung in die Kaserne einziehen. Auch die Polizei, in Form eines Revierpostens, sollte hier ein Domizil finden. Aus polizeilicher Sicht spielte die Nähe zum geplanten Grenzübergang Küstrin-Kietz / Kostrzyn, eine große strategische Rolle. Die betreffenden Polizisten zeigten sich, Angesichts der zu erwartenden Arbeit, weniger erfreut.  Letztendlich wurde die Idee rasch wieder zu den Akten gelegt. Ich gehörte immerhin zu dem “ Vorauskommando“, welches im Auftrag der Polizeiwache Seelow in Frage kommende Räumlichkeiten in Augenschein nahm.

Über das immer mehr verwildernde Terrain wurden im Laufe der Zeit etliche Mythen gesponnen. Bei der hier ansässigen Einheit soll es sich um eine “ Chemikertruppe“ gehandelt haben. Angeblich sollten in den leeren Gebäuden und im Boden noch immer mehrere Fässer mit hochgiftigen Inhalt lagern. Des Weiteren erzählten Bundesgrenzschützer, dass dort Schmuggler und Schleuser ihr Unwesen treiben.

Wie dem auch sei: 2004 wurde das gesamte Gelände dem Erdboden gleich gemacht. Es blieb buchstäblich kein Stein auf dem anderen. Das Baumaterial wurde zermahlen und unter anderem dem Straßenbau zur Verfügung gestellt.  Unbestätigten Gerüchten nach, sollen bei den Abrissarbeiten mehrere menschliche Skelette gefunden worden sein. Genaueres weiß man nicht.  Wie üblich kannten die Kolporteure dieser Nachricht jemanden, der etwas davon gehört haben wollte.

Möglich ist es schon. Vielleicht handelte es sich um Kriegsopfer? Oder waren hier auch lange nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs Soldaten zu Tode gekommen und anschließend, zur Verschleierung der Umstände, verscharrt worden?

Ich weiß es nicht. Kurz vor dem Abriss, startete ich Ende 2003, gemeinsam mit meinem Sohn, eine Foto und Entdeckungstour auf dem Gelände der Kaserne.  Auf Schmuggler und Schleuser stießen wir dabei, Gott sei Dank, nicht. Dafür fanden wir, im ehemaligen Stabsgebäude, eine noch immer an der Wand hängende Landkarte des “ Sozialistischen Weltsystems“. Stand offenbar 01.01. 1989. Mein Versuch die  an die Wand geklebte Karte für die Nachwelt zu retten, scheiterte kläglich.  Mir blieb nichts anderes übrig, als ein paar Fotos zu schießen.

Viel Aufregendes gab es hier jedenfalls nicht zu entdecken. Außer leeren Hallen, Dienst und Wohngebäuden. Dazwischen ein paar alte Reifen, Scherben und Reste weggeworfener Uniformen.

Ein sich auf dem Südende der Kaserne befindlicher Teich, der im Volksmund noch heute “ Russenloch“ genannt wird, erweckte unser Interesse. Sollten doch in den Tiefen des Gewässers riesige Fische leben. Haben etwa illegal entsorgte chemische Kampfstoffe Mutanten hervor gebracht? “ Mörderplötzen“ oder “ Killerbarsche“?

Nein, nein. Erstens neigen Angler ohnehin ein wenig zum Übertreiben. Und zweitens bewegen sich die hier gefangenen Fische ausnahmslos im mitteleuropäischen Normalbereich.

Für Naturliebhaber ist vor allem  ein warmer Sommerabend am “ Russenloch“ absolut empfehlenswert. Man sollte sich jedoch nicht vor dem heiseren Bellen der Rehböcke, dem schrillen Schrei eines Kauzes oder dem Grunzen von Wildschweinen fürchten!  Das, als solches nicht mehr erkennbare, frühere Militärgelände, befindet sich fest im Besitz der heimischen Tier und Pflanzenwelt. Und das ist gut so!

Jetzt gehen wir wieder zurück auf den Oderdamm.  Auf dem Wanderer,mit und ohne Hund, Fahrradfahrer und sonstige Ausflügler vom Frühjahr bis in den Herbst hinein flanieren.  Zunehmen wird die Gegend von Erholungssuchenden polnischen Bürgern entdeckt. Ausgelassen plaudernd, laufen oder radeln hier durch die weite Landschaft.

Völlig normal. Aber wie sah das früher, also vor 1990, hier aus? Radfahrer und Spaziergänger dürfte es wohl bereits zu DDR-Zeiten gegeben haben. Touristen aus dem nur wenige hundert Meter “ Luftlinie“ entfernten Nachbarland jedoch kaum. Ich wage sogar zu behaupten, dass es hier überhaupt keine polnischen Touristen gegeben hat.  Zumindest nicht ohne deutsche Begleitung.

Wer den Damm entlang wandert, kommt nach einem Kilometer an das  so genannte “ Anglerheim“.  Eine Klubhaus der Ortsgruppe Küstrin-Kietz des “ Deutschen Anglerverbandes“. Malerisch hinter dem Deich, unmittelbar am Ufer eines kleinen Gewässers gelegen.

Das flache Gebäude verfügt über einen  eigenen Saal im Innern sowie im Außenbereich über Sitz und Tanzflächen. Bestens geeignet also, um durstige oder hungrige Wanderer zu empfangen.  Sollte man meinen. Wahrscheinlich wäre dem auch so, wenn das “ Anglerheim“ woanders stehen würde.  Die meiste Zeit über steht das Gebäude leer. Hin und wieder finden hier kleine Privatfeiern statt. In schöner Regelmäßigkeit suchen Einbrecher in den Nächten im “ Anglerheim“ nach “ versteckten Kostbarkeiten“.  Aber eine angemessene Nutzung findet nicht statt. Dabei werde ich bei meinen eigenen Exkursionen, immer wieder gefragt, ob und wo man hier “ gepflegt Kaffee trinken kann“.  Einmal mehr wird vorhandenes Potential einfach nur  verschenkt.  Feigheit vor dem Risiko? Oder einfach nur Unfähigkeit?

Auch wenn ich mich wiederhole: ein einziger Blick zurück in die Vergangenheit zeigt, dass unsere Vorfahren offenbar in dieser Hinsicht “ besser drauf waren“.

Lassen Sie uns in einen kurzen Abstecher an das so genannte “ Überfallwehr“ am Vorflutkanal einlegen. Bei einem Wasserstand von  guten 3, 50 m , beginnt das Wehr zu rauschen. Gewaltige, von der Oder eindringende Wassermassen stürzen donnernd und schäumend über die Anlage hinweg. Der in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts angelegte Vorflutkanal, dient in erster Linie dem Hochwasserschutz. Er soll, in Krisenzeiten, gewissermaßen Druck aus dem unbändigen Strom nehmen. Immer öfter, wie im Sommer 2015, fällt der obendrein hoffnungslos versandete Kanal, bis auf ein paar verstreute Pfützen, vollständig trocken. Reiher, Adler und Angler finden hier kaum noch Beute.

Was aber noch sagen wollte: Habt ihr schon mal etwas vom “ Pappelhorst“ gehört? Nein? Das macht nichts. Woher auch? Pappelhorst war der Name einer beliebten Ausflugsgaststätte, gegenüber dem Wehr, am anderen Ufer des Vorflutkanals. Hätte es diesen verfluchten Krieg nicht gegeben, könnte man wahrscheinlich noch heute dort im Biergarten sitzen, eine “ kühle Molle zischen“ und aufs Wasser schauen. Oder auf den Sand. Je nach Wetterlage.

Vom „Pappelhorst“ finden sich lediglich noch ein paar verwitterte Trümmerreste. Wer Glück hat, findet zuweilen ein paar vom Hochwasser freigespülte Biergläser aus dem Bestand der Gaststätte.  Noch im hohen Alter erinnerte sich das 2003 hochbetagt verstorbene Küstrin-Kietzer „Urgestein“ Günther Budack lachend daran, wie er als Kind durch die Vorflut schwamm, nur um aus den Biergläsern im “ Pappelhorst“ “ zu naschen“.

 

Vom “ alten Kietz“ zum westlichen Teil der Küstriner Altstadt

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Aber genug! Wir gehen jetzt zurück zur Karl-Marx-Straße.  Weiter geht es nach links, immer in Richtung Staatsgrenze. Links sehen wir die Überreste einer Lünette. Einem kleinem Außen-Fort der Festung Küstrin. Ende des 19.Jahrhunderts entstanden rings um Küstrin etliche Lünetten, Zwischenfelderbauten und Forts.  Mit der Festung Küstrin allein, ließ sich in Zeiten einer sich rasant entwickelnden Waffentechnik kein Feind mehr aufhalten. Daher sollte dieser, möglichst bereits im Vorfeld abgewehrt werden. Als es dann wirklich so weit war, erwiesen sich die von Militärstrategen dereinst ersonnen Bauten, als völlig nutzlos.

An der Vorflutbrücke wird es Zeit für einen Zwischenhalt. Ich schließe die Augen, “ beame“ mich gedanklich wieder zurück in den Herbst 1989:

Vor der Brücke vollführen sowjetische Soldaten unter der Anleitung eines Offiziers, irgendwelche obskuren Leibesübungen. “ Habt ihr Probleme?“, erkundigt sich der sowjetische Offizier als er mich bemerkte. “ Nein, nein“, wehrte ich verlegen grinsend ab. “ Bist du dir sicher?“, kontert der Offizier im besten Deutsch. Auftragsgemäß halte ich weiter nach Grenzverletzern Ausschau. Von denen befürchtet wurde, dass diese den über die Eisenbahnbrücke nach Polen führenden Schienenstrang “ für ihre Zwecke missbrauchen könnten.

Knatternd nähert sich aus Richtung des Dorfes ein Motorrad. Der in eine grüne Leder-Kombi gehüllte Fahrer hält neben mir an. “ Na Uwe, passt du auch schon auf“, ruft er mir lachend zu. Es ist Hauptmann Brauer, mein Gruppenpostenleiter.  Der sich sichtlich darüber amüsiert, wie ich mit einem Feldstecher, die gegenüberliegende Eisenbahnbrücke observiere. Beschämt nehme ich das Fernglas von den Augen. 

Abrupt kehre ich ins Jahr 2016 zurück.  Ich sehe mich um.  Hauptmann Brauer und die sowjetischen Soldaten sind im Jahre 1989 geblieben. Ja, hier sollte ich ab September 1989 “ die DDR retten“.  Zu einem Zeitpunkt als es längst nichts mehr zu retten gab. Täglich stimmten tausende Bürger mit den Füßen ab, verließen das Land in Richtung Ungarn, CSSR oder Polen. Um Zuflucht in den dortigen Botschaften der Bundesrepublik Deutschland zu suchen. Ohnmächtig bemühte sich ein verlorenes Häufchen von Volkspolizisten und Grenzsoldaten, diesen Run über die Grenzen zu verhindern.  Solange die Ursachen für diesen Run nicht beseitigt wurden, wären selbst ganze Heerscharen nicht in der Lage gewesen, die Massen zu stoppen. Um das zu erkennen, war ich im September 1989 noch zu naiv, zu “ Blauäugig“, oder einfach nur zu dämlich.

Mein “ Grenzabschnitt“ reichte zunächst von der Vorflutbrücke bis hinüber nach Kuhbrücke. Besonderes Augenmerk galt dabei der Eisenbahnbrücke. Dabei galt dieser Fluchtweg nicht nur als höchst gefährlich, sondern als aussichtslos.  Die “ Grenzverletzer“ hätten zunächst ungesehen an den bewaffneten sowjetischen Wachposten vorbei gemusst. Ok, dass konnte möglicherweise funktionieren. Aber spätestens am Ostende der Eisenbahnbrücke, wo Tag und Nacht ein polnischer Grenzsoldat auf Posten stand, wäre die Flucht unweigerlich zu Ende gewesen.  Die “ vorläufige Festnahme“ und eine spätere Übergabe an die „Grenzorgane der DDR“, wären dem “ Delinquenten“ sicher gewesen. Im allerschlimmsten Fall jedoch, könnte dem Flüchtling, mitten auf der Brücke, ein Güterzug begegnen. Sollte er sich dann mittels eines kühnen Kopfsprung in die Oder retten? Nein, so verrückt ist sicher niemand, dachte ich damals.

Diese Gedankengänge wurden von den beiden hier  strukturmäßig Dienst verrichtenden “ Grenzabschnittsposten“, einem Stabsfeldwebel und einem Stabsfähnrich der Grenztruppen, bestätigt.

Ansonsten wirkten die Grenzer eher wie brutal aus der Ruhe des Winterschlafs gerissene Bären.  Von gelegentlichen Fahndungen nach sowjetischen Deserteuren abgesehen, bestand ihr Alltag hauptsächlich darin, im Trabant oder auf dem Motorrad sitzend, „vorbeugend“an der Oder herumzufahren. “ Illegale Grenzübertritte“ gehörten zu den absoluten Ausnahmen. Welcher normale DDR-Bürger wollte schon “ nach Polen abhauen“?  Das änderte sich wie gesagt, im Spätsommer / Herbst 1989.  Nach Polen abhauen, wollte zwar noch immer niemand. Dafür jedoch über Polen. Und  das gleich in größeren Gruppen.  Funk und andere Nachrichtenmittel, wie an der „Westgrenze“ standen den Grenztruppen an der Oder, kaum zur Verfügung. Kein Wunder, dass sie die eingetretene Situation absolut überforderte.

Wenden wir uns jetzt der Vorflutbrücke zu. An dieser Stelle endete für den “ Otto-Normal-DDR-Bürger“, die Welt in Richtung Osten. Streng genommen, endet hier auch das eigentliche Küstrin-Kietz. Wir betreten nun die Altstadt von Küstrin, zu dessen Territorium die so genannte „Oderinsel“ bis 1945 gehörte.  Ratternd rollt auf der Eisenbahnbrücke ein vollbesetzter Zug in Richtung Kostrzyn.  Eine riesige, vor einigen Jahren erbaute Brücke, führt den scheinbar niemals abreißenden PKW-Verkehr über die Gleise hinweg zur Oderbrücke.  Dieser Brücke, einem eher zweckmäßigen als ansprechendem Monstrum, ist, allen Protesten zum Trotz, der Bahnübergang in Richtung des kleinen Ortsteiles Kuhbrücke, zum Opfer gefallen. Nach Kuhbrücke, Bleyen oder Genschmar gelangt man seitdem nur noch über Umwege.

Ein blaues, mit den Sternen der Europäischen Union verziertes Schild weist darauf hin, dass Polen nur einen Kilometer entfernt ist. Das stimmt aber nicht ganz. Da die polnische Grenze in der Mitte der Oder verläuft, dürften es kaum mehr als ein paar hundert Meter sein.

Aber wen kümmert das noch in einer Zeit, in der Staatsgrenzen unbemerkt, vor allem ungestraft, ohne besondere Genehmigung, übertreten werden?

Gleich hinter der Vorflutbrücke soll ein lädierter Stein die Nachwelt daran erinnern, dass hier dereinst, konkret am 31.Oktober 1806, ein gewisser Leutnant Wilhelm von Falkenhayn und eine Anzahl von Soldaten, im Kampf für Küstrin, den Heldentod starben.

Dem großen deutschen Literaten  und Wandersmann Theodor Fontane, verdanken wir eine eingehende Schilderung dieses historischen Ereignisses. Laut Fontane, war zuvor eine Einheit preußischer Husaren, aus der Festung Küstrin, bei Manschnow, im Rahmen einer Patrouille, auf eine Vorausabteilung der in Preußen eingefallenen französischen Armee gestoßen. Napoleon ante Portas!

Tapfer kämpfend, zogen sich die bedrängten Husaren bis zur Torschreiberbrücke, der heutigen Vorflutbrücke zurück. Rasch sandte von Falkenhayn Boten, mit der dringenden Bitte um Verstärkung in die Festung. Diese Bitte wurde jedoch von dem „fiesen“ und “ feigen“ Festungskommandanten, einem Oberst von Ingersleben unter fadenscheiniger Begründung, abschlägig beschieden.  Den Husaren blieb nichts anderes übrig, als weiterzukämpfen, bis der letzte von ihnen ins märkische Gras biss.

Ist das nicht der Stoff, aus dem  patriotischen Heldensagas gewoben werden? Custers last Stand im Oderbruch. Das ganze hat nur einen einzigen, aber nicht von der Hand zu weisenden Schwachpunkt: Das Gefecht um die Torschreiberbrücke hat es niemals gegeben. Zumindest nicht in der von Theodor Fontane verbreiteten Form.

So schwer es mir auch fällt dem großen Theodor zu widersprechen-aber in der im Jahre 1848 erschienen “ Chronik der Stadt Küstrin“, findet sich eine völlig andere, dafür jedoch auf den Aussagen von Zeitzeugen basierende Version: Am Nachmittag des 31.Oktober 1806 erschien das besagte Vorauskommando des ebenso kleinen wie berühmten Korsen, völlig überraschend vor der Torschreiberbrücke. Vor lauter Überraschung geriet die dort als Wache stationierte Kompanie in Panik, ballerte kopflos in der Gegend umher, ehe sich die Soldaten in die Häuser der “ Langen Vorstadt“ flüchteten.

Also nix mit Patrouille reitenden Husaren. Nix mit glorreichem Rückzugsgefecht von Manschnow nach Küstrin.  Leutnant Falkenhayn soll an diesem Tag tatsächlich den Tod gefunden haben.  Ob durch eine Kugel, oder von den eigenen fliehenden Soldaten „zertrampelt“, ist nicht überliefert. Interessanterweise waren sich die Historiker 1848 nicht einmal sicher, wie der unglückliche Leutnant tatsächlich hieß. Wilhelm von Falkenhayn oder Wilhelm von Finkenstein?

Warum Fontane, der sich aus der erwähnten Chronik nachweislich zu anderen Themen mehrfach „bediente“, diese höchstwahrscheinlich “ aus den Fingern gesogene“ Story verbreitete, darüber kann nur spekuliert werden.  Möglicherweise passte sie einfach besser in den im Verlauf des 19.Jahrhunderts immer stärker aufkommenden “ Deutschtümelnden, patriotischen Mainstream“, als die schnöde Wahrheit.  Wer wollte schon von fliehenden, schnöden Wachsoldaten lesen?  Dann doch lieber von schneidigen Husaren, die, quasi vor unserer Haustür, gegen eine Übermacht des Feindes fochten. Geht einem, als Lokalpatriot und Heimatforscher, bei dem Gedanken das man fast jedem Tag an dem Schauplatz des glorreichen Fights vorbeikommt, nicht das Herz auf? Und dann kommt jemand wie der Bräuning und sagt keck: „April, April Leute. Das war alles gaaaaaaaaaaaanz anders.“

Ganz ehrlich-wer ist noch nie der Faszination von Legenden erlegen? Wie heißt es so treffend in dem legendären Joh Wayne-Western “ Der Mann der Liberty Valance erschoss“: ‘If the legend becomes fact, print the legend!’

Diesem Prinzip wird, was das “ Gefecht an der Torschreiberbrücke“ betrifft, in Küstrin-Kietz, noch heute entsprochen. Warum auch nicht? An den Jahrestagen des Ereignisses finden noch immer feierliche Kranzniederlegungen, umrahmt von Reden und Böllerschüssen, statt. Sollte man sich, der geschichtlichen Wahrheit wegen, einer touristischen Attraktion entledigen?

Vielleicht sollte man beide Versionen gleichberechtigt verbreiten und den interessierten selbst entscheiden, welche Version er künftig den Vorzug gibt.

Einhundert Jahre nach der „Befreiung Küstrins von den Franzosen“, wurde durch den “ Verein für die Geschichte Küstrins“, an der Torschreiberbrücke, der oben erwähnte Gedenkstein feierlich eingeweiht. An der Einweihung nahm auch der damalige preußische Kriegsminister, von Falkenhayn, angeblich ein Nachkomme des an dieser Stelle gefallenen Leutnants.  Man beachte das Datum: März 1914. Klingelt da nicht was? Genau, ein gutes halbes Jahr später brach der 1.Weltkrieg aus!  Patriotisch verbrämte Geschichten vom “ Heldentod“, dienten dazu eine Generation junger Menschen das elende Verrecken auf den Schlachtfeldern schmackhaft zu machen.  Die kolportierte Legende von dem „Gefecht an der Torschreiberbrücke in Küstrin“, war ganz nach dem Geschmack eines Kriegsministers von Falkenhayn.   Auch das gehört zu der Geschichte des im Zweiten Weltkrieg beschädigten, anschließend in den Vorflutkanal geworfenen, Anfang der Neunzigerjahre wieder geborgenen und wieder aufgestellten Gedenksteines.

Oberst von Ingersleben, der Festungskommandant von Küstrin, kommt sowohl bei Fontane als auch in der “ 1848er Stadtchronik“, mehr als schlecht weg. Von Ingersleben wird berichtet, dass er die voll besetzte, mit Waffen, Mannschaften, Munition und Proviant bestens bestückte Festung Küstrin, ohne Gegenwehr dem zahlenmäßig schwachen Feind übergeben hatte.  Besonders übel nahmen ihm die Chronisten, dass der preußische Oberst anschließend sofort in französische Dienste übertreten wollte.

Der Oberst wurde der Nachwelt, in ziemlich gehässigen Abhandlungen, als Prototyp eines Charakter und Ehrlosen Feiglings “ verkauft“.  Kurz vor dem Auftauchen der Franzosen, hatte der preußische König Friedrich Wilhelm III., in Begleitung seiner Gattin, der legendären Königin Luise, in Küstrin einen Zwischenhalt auf dem Weg nach Königsberg ( Ostpreußen) eingelegt. Das königliche Paar wollte sich nach der vernichtenden Niederlage Preußens gegen Napoleon, in der Schlacht von Jena und Auerstedt, in Sicherheit bringen. Zuvor soll der König dem Kommandanten von Küstrin noch das Versprechen abgenommen haben, “ die Festung zu verteidigen, bis ihm das Schnupftuch in der Tasche brenne.“

Na ja, ob das wohl stimmt? Der König wurde in dieser tiefen Krise des Staates Preußen, seiner “ von Amts wegen“ vorgegebenen Vorbildrolle selbst nicht gerecht. Im Prinzip benahm sich der Monarch nicht anders, als die Wachsoldaten an der Torschreiberbrücke, die beim ersten Knall Reißaus nahmen.

Einzig Oberst von Ingersleben sollte die Franzosen an der Oder aufhalten. Die sonst so “ redselige“ Überlieferung verschweigt, dass sich Ende Oktober 1806 eine große Anzahl von vor den anrückenden Franzosen aus Teilen Brandenburgs geflohenen Zivilisten befanden.

Napoleons Truppen hätten die  von der Festung umgebene Stadt Küstrin, wie weiland 1758 bereits die Russen, vom Weinberg aus “ in Klump schießen, oder in Seelenruhe, wochenlang belagern können. Beides hätte eine humanitäre Katastrophe ausgelöst!  Höchste Zeit also, den Oberst von Ingersleben wenigsten teilweise zu rehabilitieren. Man muss ihm ja nicht gleich wieder eine Heldengeschichte widmen!

An der mehr und mehr zerfallenden, 1904 erbauten ehemaligen Artilleriekaserne, die von etwa 1950 an bis 1991 einem sowjetischen “ Brückenbau-Regiment“ als Unterkunft diente, vorbei, führt die nach einem verdienstvollen Küstriner Bürgermeister des frühen 20.Jahrhunderts benannte Detlefsen-Straße bis zur nahen Oderbrücke.

Noch vor der Brücke, zwischen Bundesstraße und Kaserne, treffen wir auf eine asphaltierte Freifläche. Dem früheren Standort einer Ende November 1992, im Beisein solch hochrangiger Brandenburger Politiker wie den damaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe, eingeweihten Grenzkontrollstelle.

Am Eröffnungstag regnete es wie in Strömen. Trotzdem erschienen Hunderte, wenn nicht gar Tausende Einwohner aus der näheren und ferneren Umgebung, die sich den lange erwarteten, mit so vielen Hoffnungen verbundenen Moment nicht entgehen lassen wollten.

Noch wähnte man sich hier im Aufwind. Erst ein Jahr zuvor war aus dem schnöden Kietz, wieder hochoffiziell Küstrin-Kietz geworden.  Jetzt, im Spätherbst 1992, endete die Welt nicht mehr an der Oderbrücke. Fortan konnte man von hier mit dem PKW nach Polen fahren. Oder einfach ins Nachbarland laufen.  Küstrin-Kietz und Manschnow sahen sich, auf Grund der unmittelbaren Grenznähe, als begehrte Firmenstandorte. Arbeitslosigkeit würde hier ebenso zum Fremdwort, wie zuvor in der DDR.

Aber  was geschah in den kommenden Jahren tatsächlich im deutschen Grenzgebiet? Von nun an sollte sich beinahe täglich, eine sich an Wochenenden und Feiertagen zusätzlich verstärkende Blechlawine durch Manschnow und Küstrin-Kietz wälzen.  Wehe, wenn die Lawine ins Stocken geriet! Dann reichte der Rückstau nicht selten Kilometerweit, bis zum Abzweig nach Alt Tucheband oder Golzow.  Blaue, stinkende Abgaswolken verpesteten die Umgebung. Hupkonzerte entnervt wartender Autofahrer störten die gewohnte Ruhe der Einwohner. Die im Stau stehenden Fahrzeuge blockierten in den Orten die Einfahrten zu den Grundstücken. Rücksichtslose Raser, die nicht schnell genug zur Grenze kommen konnten, verursachten einen schweren Verkehrsunfall nach dem anderen. Andere entledigten sich, während der langen Stunden im Stau, einfach ihres Mülls. Noch andere verrichteten sogar ihre Notdurft vor den an der Straße stehenden Grundstücken.  Polnische Diebesbanden, so genannte “ Jumas“, vorwiegend aus dem benachbarten Kostrzyn und dem Städtchen Witnica, begannen die Gegend für ihre Zwecke zu entdecken. Anfang März kam es zum ersten gewaltsamen Grenzdurchbruch, begangen durch eine zuvor in Hamburg entwendete Luxuslimousine.  Und so weiter und so weiter.

Selbstverständlich beinhaltete die geöffnete Grenze zum Nachbarland nicht nur Nachteile. Zum Beispiel kostete der Liter Benzin, an den plötzlich in Kostrzyn wie Pilze aus dem Boden schießenden Tankstellen ledig eine einzige Deutsche Mark. Zigaretten bekam ebenfalls “ für lau“. Von einigen wohl ebenfalls preiswerten, angeblich jedoch von niemandem in Anspruch genommenen “ Dienstleistungen“,  schweige ich mal lieber anstandshalber. Man darf auch nicht vergessen, dass die Bundesstraße 1, die besonders zwischen Manschnow und Küstrin-Kietz einer von Bodendellen übersäten Schlaglochpiste glich, ohne den neuen Grenzübergang nicht so schnell und grundlegend saniert worden wäre.

Außerdem erschloss sich den Deutschen endlich eine überaus schöne, geschichtsträchtige Landschaft, mit ihren überwiegend gastfreundlichen Bewohnern.  Leider glauben noch heute, fast ein Vierteljahrhundert nach der Eröffnung des Grenzübergangs, dass Kostrzyn inklusive des Umlandes, nur aus Tankstellen und dem “ Polen-Markt“ besteht.

Aber wieder zurück zum Thema: 1992 / 93 begann sich das Leben der Einwohner des deutschen Grenzlandes grundlegend zu ändern. Nur der suggerierte Wirtschaftsaufschwung wollte sich einfach nicht einstellen. Langsam aber sicher begann es den Menschen zu dämmern, dass sich an diesem Zustand wohl so schnell nichts ändern wird.  Zwar folgten einige ausländische Firmen dem “ Lockruf des wilden Ostens“, sie siedelten sich jedoch nicht in Manschnow oder in Küstrin-Kietz, sondern gleich in Kostrzyn an.  Des schier unglaublichen Steuer & Preisvorteiles wegen. Wieder einmal ging der Wirtschaftsboom am Oderbruch vorbei.  Bald mussten die ersten Tankstellen, wie die in Manschnow, schließen. Selbst die treuesten Kunden wollten lieber den viel billigeren Benzin in Polen kaufen. Selbst wenn sie dafür zwei oder drei Stunden im Grenzstau ausharren mussten.

Um Mitte der Neunzigerjahre spannte sich die Situation in den beiden Grenzorten weiter an.  Eltern fürchteten, der vielen rücksichtslosen Raser wegen, um die Sicherheit ihrer Kinder. Wer direkt an der Bundesstraße 1 wohnte, fand sogar in den Nächten kaum noch ausreichend Schlaf.  Hupend und ratternd jagten pausenlos die Fahrzeuge in Richtung Grenzübergang. Manche erinnern sich noch heute voller Grausen, an die mit schrottreifen Autos beladenden  polnischen Lafetten-Fahrzeuge.

Anfang 1996 nahm sich das Fernsehen, konkret der “ ORB“, der Vorläufer des heutigen “ RBB“, dem Problem an, schickte Kamerateams in die Dörfer, um die geplagten Menschen zu Wort kommen zu lassen.  Im Ergebnis dessen, als erste Maßnahme, wurde an der Kreuzung zwischen den Bundesstraßen 112 und 1, in Manschnow, eine Ampelanlage installiert. Als weitere Maßnahme sollten Verkehrsinseln die Autofahrer zwingen, den Fuß vom Gas zu geben. Nicht immer mit Erfolg-manche prallten Schwung und Geräuschvoll gegen die Hindernisse.  An Schlaf war danach für die aus den Träumen gerissenen Anwohner meist nicht mehr zu denken.

Ende 1995 wurde auf der polnischen Seite endgültig ein hochmodernes Grenz-Terminal in Betrieb genommen. Fortan arbeiten dort Polen und Deutsche gemeinsam an der Abfertigung des Grenzverkehrs.  Damit einher ging eine erste, wenn auch nur leichte Verbesserung für die geplagten Grenzlandbewohner. Durch die zügigere Abfertigung nahm zwar der Verkehr nicht ab. Dafür  kam es weitaus seltener zu den gefürchteten Rückstaus.  Für die Anwohner nur ein schwacher Trost. Für neuen Unmut sorgte eine Ankündigung aus Polen, den Grenzübergang Küstrin-Kietz fortan nicht nur für den PKW sondern auch für den Warenverkehr nutzen zu wollen.

An einem warmen Sommerabend im Jahre 1996, kam es vor dem Kulturhaus Küstrin-Kietz, zu einer vom “ ORB“ live übertragenen Einwohnerversammlung.  Der gesamte Vorplatz des Kulturhauses, sowie der angrenzende Bürgersteig, war mit überaus zahlreichen Bürgern aus Küstrin-Kietz und dem benachbarten Manschnow geradezu übersät. Die anschließende Diskussion fand in einer teilweise erregten Atmosphäre statt. Ich befand mich, gemeinsam mit einer jungen Kollegin, als Polizist, zur Absicherung der Veranstaltung, vor Ort. Später gesellte sich noch Polizeidirektor Ullrich Papperitz, der zu dieser Zeit den Polizeischutzbereich “ Märkisch-Oderland“ leitete, hinzu.  Fast sieben Jahre waren seit jenem Tag vergangen, an dem ich an dieser Stelle zwei Bereitschaftspolizisten in Empfang nahm, um mit ihnen die Grenze  der DDR “ zu sichern“.  Sieben Jahre, in denen sich in diesem Ort mehr verändert hatte, als all die Jahre zuvor.

Viele der Anwesenden nutzten die Gunst der Stunde, um den tiefen Frust in aller Öffentlichkeit herauszulassen. Kaum jemand lehnte die geöffnete  Grenze an sich ab. Auch wenn dieses später zuweilen von einigen, die an diesem Abend im übrigen nicht dabei waren, behauptet wurde. Nein, die Versammlung entwickelte sich vielmehr zu einem verzweifelten Hilferuf in Richtung Landesregierung.  So äußerte zum Beispiel ein in Manschnow praktizierender Arzt, dass das allgemeine Lebensgefühl der Bewohner, durch die vom Grenzverkehr verursachten psychischen Belastungen, enorm gelitten hätte.  Eine Äußerung, die wohl fast jeder der hier wohnenden Menschen sofort unterschrieben hätte.

Es half nichts-eine Lösung musste her! Am besten sofort. Vor Ort befanden sich auch Vertreter der Landesregierung und vom Landkreis Märkisch-Oderland. Darunter der selbst in der Region lebende  damalige Bauminister  Hartmut Meyer.

Bereits im Vorfeld wurde von einigen Bürgerinitiativen, unter anderem der Bau einer sowohl Manschnow als Küstrin-Kietz völlig entlastenden Umgehungsstraße. Darüber wollten die besagten Vertreter

Für einen gelernten DDR-Bürger ein wenig ungewohnt, sahen sich die Versammlungsteilnehmer zunächst mit den verschiedenen Zuständigkeiten von Land und Bund in dieser Angelegenheit, konfrontiert.

Trotzdem nahm der Gedanke im Verlauf des Abends  immer mehr Gestalt.  Ein mit dem Projekt betrauter Planer stellte eine “ Nord“ und eine “ Südvariante“ der zukünftigen Umgehungsstraße zur Diskussion. Wer wollte konnte eigene Vorstellungen einbringen.  Beide Varianten würden den Verkehr komplett um die Dörfer heraus halten.

Richtig erinnern kann ich mich heute lediglich noch an die “ Nordvariante“. Diese sollte, aus Richtung Seelow gesehen, noch vor Manschnow von der B 1 abzweigen, vorbei an Gorgast parallel zur Bahnlinie bis zur Oderbrücke führen.

Am Ende der Veranstaltung gingen alle mit der Überzeugung nach Hause, dass demnächst die Bagger ihre Arbeit aufnehmen würden. Über vierzehn Jahre sollten noch vergehen, bis die Umgehungsstraße im September 2010 endlich eröffnet wurde.  Wider allen Vorankündigungen, zweigte die Trasse der Umgehungsstraße erst einen Kilometer hinter, und nicht vor Manschnow ab. Dafür „ziert“ nun eine bereits erwähnte, ebenso riesige wie hässliche Brücke die Landschaft.  Von den seiner Zeit “ vollmundig tönenden“ Politikern, brauchte kaum jemand fürchten wegen Wortbruchs „Prügel zu beziehen“. Verzehrten sie doch mittlerweile längst ihre Pensionen.

Eigentlich hätte es dieser lange ersehnten Umgehungsstraße nach dem Beitritt Polens zur Schengen-Gemeinschaft und dem damit verbundenen Wegfall der stationären Grenzkontrollen überhaupt nicht mehr bedurft.  Aber da die Mittel für den Bau der Straße nun einmal verplant waren……. Typisch Deutsch eben!

Seitdem ist es wieder sehr ruhig geworden auf Küstrin-Kietz Straßen. Fast ein wenig zu ruhig. Das nun abseits liegende Dorf findet nicht einmal mehr als Durchgangsort beachtet. Die von der Umgehungsstraße direkt nach Küstrin-Kietz abzweigende Fahrbahn, wurde von der Bundesstraße zur Kreisstraße “ degradiert“.  Zeitgleich erfolgte der Rückbau der eigens für den Grenzverkehr innerhalb des Ortes als Verbreiterung eingerichteten Stauspur.

Hat sich die Umgehungsstraße etwa als klassisches Eigentor erwiesen? Ach, Nö.  Wer braucht schon Leute, die ohne nach links oder rechts schauen, einfach nur durchrauschen? Wenn es gelingt die relative dörfliche Ruhe für touristische Zwecke zu nutzen, dann hat die verspätete Eröffnung der Umgehungsstraße doch noch einen Sinn!

Falls es überhaupt noch so etwas wie eine Zukunft für Küstrin-Kietz und das gesamte Oderbruch geben soll, dann liegt diese im Tourismus. Wohlgemerkt in einem möglichst sanften Tourismus. “ Elefanten im Porzellanladen“ gibt es wohl schon genug.

 

Die Oderinsel

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Blick auf den südlichen Teil der Oderinsel.  

An dieser Stelle möchte ich den Leser zu einem Spaziergang auf dem, der Öffentlichkeit zugänglichen Bereich der Oderinsel einladen.  Unmittelbar vor der Oderbrücke, führt eine unscheinbare Pforte auf einen malerischen Wanderweg. Von hier aus hat man einen wunderbaren Blick auf die Wälle der gegenüberliegenden Festung Küstrin. Und auf die beiden Brücken über den Oderstrom.  Romantik pur.  Der Anblick  der verfallenden Kaserne mag ebenfalls nicht ohne gewissen Reiz sein. Besonders für Fotografen und Militärhistoriker. Das historische Areal hätte jedoch etwas anderes verdient, als langsam einzufallen. Dazu später mehr.

Jetzt geht es erstmal wieder zurück in die Vergangenheit.  Zuerst kommen wir an einer riesigen Eiche, mit knorrigen ausladenden Ästen vorbei.  Ende des 18.Jahrhunderts wurde diese Eiche, wie eine Informationstafel verrät, von “ dankbaren Einwohnern der Stadt Küstrin gepflanzt“.  Um sich bei dem Preußenkönig Friedrich II. für den schnellen Wiederaufbau ihrer Stadt, nach dem diese von der russischen Armee durch tagelangen Kanonenbeschuss im August 1758 in Schutt und Asche gebombt wurde, zu bedanken.

Bedanken? Ohne den vom “ Alten Fritz“ vom Zaum gebrochenen “ Siebenjährigen Krieg“, wäre Küstrin erst gar nicht zerstört worden. Solche Überlegungen hätten einen “ braven Preußen“ wohl schlecht zu Gesicht gestanden. Überliefert ist, dass sich die weinenden, völlig geschockten Einwohner Küstrins, aus ihren brennenden Häusern, hinüber in die am anderen Oderufer gelegene “ Lange Vorstadt“ flüchteten. Von der Stelle wo heute die  so genannte “ Friedrich-Eiche“ in den märkischen Himmel ragt, beobachteten sie den Untergang ihrer Stadt.

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Ich stelle mir den Anblick sich weinend in den Armen liegender Menschen vor. Die gerade alles verloren hatten. Alles, außer dem nackten Leben.  All das, inklusive des andauernden Donners der Kanonen, dem von der Festung herüber wehenden beißenden Rauchwolken, hat sich im heißen August 1758 an dieser Stelle abgespielt. Die bislang schlimmste Katastrophe in der Geschichte Küstrins. Alles in allem jedoch lediglich ein “ leiser Vorgeschmack“ auf die  Katastrophen der Jahre 1813 /14 und  vor allem die des Jahres 1945 .

Wie oben bereits erwähnt, befinden wir uns auf dem früheren Territorium der “ Langen Vorstadt“.  Das heutige  menschenleere Refugium für bedrohte Tier und Pflanzenarten, die Oderinsel, gehörte Jahrhundertelang zu den am dichtesten besiedelten Gebieten rings um Küstrin. Wo sich gegenwärtig wieder eine paradiesische überwiegend Seeadlern, Bibern, Fischottern, Füchsen, Eisvögeln und Wildschweinen vorbehaltene Wildnis ausbreiten darf, herrschte bis zum März 1813 urbanes Leben. Am Südzipfel der Oderinsel, in direkter Nachbarschaft zur “ Langen Vorstadt“, standen die Hütten des Fischerdorfes Kietz.

Spuren der einstigen Besiedlung der Oderinsel finden sich kaum noch. Hin und wieder gibt das dichte Gebüsch entlang des Wanderweges, den Blick auf ein paar Trümmer frei. Aber ob es sich wirklich um die Reste von Häusern der “ Langen Vorstadt“ handelt????

Der Untergang der “ Langen Vorstadt“ und des Dorfes Kietz im März 1813, hängt eng mit der seit 1806 andauernden französischen Besetzung Küstrins zusammen.  Kurz vor der Übergabe der Festung, sollen die Franzosen, laut Fontane, volle Honigtöpfe aus den Häusern der “ Langen Vorstadt“ geklaut und sich damit in provozierenden Posen am Oderufer gezeigt haben.  Das in jedem Franzosen ein kleiner Schelm steckt, wissen wir Deutschen also nicht erst seit den Filmen Louis de Funes.

1812 / 13 verließ den “ Franzmännern“ jedoch das Kriegsglück wieder. Vereint mit der Armee des russischen Zaren, schickte sich Preußen an, verlorenes Terrain wieder zu erobern.

Dazu gehörte bekanntlich auch die “ unehrenhaft in Verlust geratene“ Festung Küstrin. Unter dem Kommando eines Generals Hinrichs, rückten die “ Befreier“ an.  Der General zog einen großen Belagerungsring um die Festung.  Dieser Ring reichte, auf der westlichen Seite der Oder, ungefähr vom heutigen Genschmar bis nach Reitwein. Auf der östlichen Seite riegelten die Preußen das Vorfeld der Festung ebenfalls über mehrere Kilometer ab. Ungefähr von Drewitz ( Drewice) bis nach Göritz ( Gorzyca) und weiter bis nach Schernow ( Czarnow) und Sonnenburg ( Slonsk).

Die Preußen spielten auf Zeit. Über kurz oder lang würden Hunger, Durst und Krankheiten die Franzosen zur Aufgabe zwingen.  Allerdings litten nicht nur die Besatzer, sondern auch die gleichfalls gefangene Bevölkerung schnell unter den Folgen der Belagerung.  Rasch begannen sich Epidemien und Mangelerkrankungen auszubreiten. Zum Beispiel der normalerweise lediglich aus Seefahrergeschichten bekannte Skorbut. Eine in jeder Hinsicht ekelhafte Krankheit. Wer eine Vorstellung von dem Leid der Menschen hier bekommen möchte, sollte den Begriff Skorbut einfach mal “ googeln“.

Ja, innerhalb der Festung, aber auch in der in “ Geiselhaft“ genommenen Langen Vorstadt“ müssen sich 1813 geradezu apokalyptische Szenen abgespielt haben. Schon bald fand sich in Küstrin keine Hunde und Katzen mehr. Weil sie den Menschen als Nahrung dienten.  Szenen wie diese sind den Küstrinern 1806, Dank des viel gescholtenen Oberst von Ingersleben, noch erspart geblieben. Noch ein Grund mehr, den Festungskommandanten endlich zu rehabilitieren! Man braucht ihm ja nicht gleich ein Denkmal zu setzen.

Während der Belagerung kam es immer wieder zu kleineren Gefechten zwischen Preußen und französischen Vorposten. Zum Beispiel am “ Pappelhorst“, unweit des heutigen Überfallwehrs an der Vorflut.

Der französische Kommandant der Festung erwartete einen Großangriff der Preußen. Um ausreichend freies Schussfeld zu erhalten, ließ er die “ Lange Vorstadt“ und den Kietz kurzerhand niederbrennen. Übrigens nicht von Franzosen selbst, sondern von mit den Franzosen verbündeten Westfalen.  Als ob es nicht schon genug Elend gegeben hätte!

Großen Nutzen brachte die Aktion den Franzosen nicht. Nach einem Jahr Belagerung, streckte die Besatzung, oder was sich von ihr noch auf den Beinen halten konnte, die Waffen. General Hinrichs zog an der Spitze seiner Truppen, angeblich von jubelnden Küstrinern empfangen, voller Stolz durch das Berliner Tor.

Den Bewohnern der heutigen Oderinsel dürfte der Jubel jedoch schnell im Hals stecken geblieben sein. Anders als allgemein angenommen, durften sie ihre Häuser nicht mehr an der früheren Stelle wiederaufbauen. Offenbar hatten die Franzosen den militärisch Verantwortlichen der Festung Küstrin mit der Zerstörung der “ Langen Vorstadt“ und des Kietzes, einen großen Gefallen getan. Die dichte Besiedlung in unmittelbarer Nähe der Festungswälle, dürfte ihnen schon lange ein  Dorn im Auge gewesen sein. Jetzt hatten ihnen die Franzosen die Drecksarbeit abgenommen.

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Blick auf den Mittelhöfel

Da half kein Jammern und kein Klagen- die Bewohner der Oderinsel mussten umziehen. Auf das Gebiet des heutigen Küstrin-Kietz. Andere bauten sich in Kuhbrücken-Vorstadt ( Kuhbrücke) oder in Neu Bleyen ein neues Zuhause.

Krachend bricht eine Rotte Wildschweine durch das Unterholz. Die Tiere haben  mindestens genauso viel Angst vor uns, wie wir vor ihnen. So schnell wie sie gekommen sind, entziehen sie sich unseren Blicken schon wieder. Auf Begegnungen dieser Art sollte man hier ständig gefasst sein. Flink wie ein Pfeil rauscht ein kleiner Eisvögel durch die Lüfte, taucht mit dem Kopf ins Wasser ein und fliegt sofort, einen zappelnden Fisch im Schnabel, wieder davon.  Eile ist geboten. Schließlich wartet der hungrige Nachwuchs bereits schreiend auf Nahrung.

Von den Wipfeln eines Baumes beäugt ein Adler aufmerksam die Umgebung. Welch ein majestätischer Anblick! Ehe wir die Kamera zücken und den großartigen Moment festhalten können, erhebt das stolze Tier seine Schwingen, um in die Ferne zu fliegen. Schon die kleinste Bewegung  kann den stets misstrauischen König der Lüfte vertreiben.

Vor über zwanzig Jahren lagen Pläne vor, die Oderinsel zum Teil wieder zu besiedeln und möglichst komplett für den Tourismus zu erschließen. In diesem Fall bin ich sogar froh darüber, dass diese Pläne im märkischen Sande verliefen. Wer weiß, ob man diese seltenen Tierarten, unter diesen Umständen, heute noch auf der Oderinsel finden könnte?

Das mag sich jetzt wie ein Widerspruch anhören. Seitenlang habe ich das fehlende Touristikmanagement in Küstrin-Kietz beklagt und nun bin ich froh, dass die ehrgeizigen Vorhaben in punkto Oderinsel nicht funktionierten?

Ja, bin ich. Wir brauchen wieder viel mehr Plätze, an denen die Natur völlig sich selbst überlassen ist. Damit sie sich endlich wieder reaktivieren kann.  Tiere und Pflanzen benötigen Rückzugsgebiete, damit sie nicht eines Tages vollständig verschwunden sind.

Diese besondere Rücksicht auf die Natur schließt ja nicht aus, dass besonders geschulte „Scouts“, auf abgesteckten Wanderwegen, Touristengruppen durch dieses Refugium führen. Solange man die Bezeichnung “ sanfter Tourismus“ wörtlich nimmt und sämtliche gebotenen Vorsichtsmaßnahmen streng beachtet, ist dagegen doch nichts einzuwenden.

Nun setzen wir den Spaziergang fort. Wir gehen an einem im 18.Jahrhundert abgetrennten, in der Folge ausgetrockneten Oderarm vorbei, dessen Verlauf noch heute deutlich erkennbar.

Nach Süden hin führt ein kleiner Weg auf das der Öffentlichkeit nicht zugängliche Gelände der Oderinsel.  Lediglich der zuständige Revierförster, die Mitarbeiter vom Fischer Schneider und die rührige Naturschäferin Katrin Todt dürfen dieses Areal betreten. Alle anderen müssen sich mit einem Blick durchs Fernglas begnügen.  Vor unserem Auge breitete sich die Gras bewachsene, von einzelnen Baumgruppen und kleinen Gewässern durchzogene Insel aus. Deutlich hebt sich der so genannte Kronmühlendamm von der übrigen Umgebung ab. Am südlichen Ende  der Insel markieren die Bäume den einstigen Standortes des Fischerdorfes Kietz. Anfang der Neunzigerjahre berichteten Wachschützer wiederholt von einem hier lebenden zahmen Hirsch. Der wohl von den sowjetischen Soldaten aufgezogen und nach deren Abzug zurückgelassen wurde. Angeblich soll die Erde unter den Hufen des gewaltigen Tieres gedröhnt haben. Ob der Hirsch wohl noch lebt? Begegnet ist ihm jedenfalls schon lange keiner mehr.

Beinahe ein ganzes Jahrhundert gehörte dieser Bereich dem Militär. Zunächst den Soldaten des Kaisers, dann der Wehrmacht und zuletzt den „Russen“.  Hier wurden Soldaten für den Krieg ausgebildet. Unter anderem von meinem Großonkel Karl. Einem ehemaligen Berufssoldaten der Wehrmacht, von dem an anderer Stelle noch die Rede sein wird.

Unzählige Hektoliter Soldatenschweiss hat dieser Boden im Laufe der Jahre aufgezogen. Und mindestens ebenso viele Hektoliter Soldatenblut. Als im Frühjahr 1945 die “ Rote Armee“ vom Südzipfel der Oderinsel auf die Artilleriekaserne vorrückte, spielten sich hier dramatische Kämpfe ab.

Später, nach der Wiedervereinigung Deutschlands, spielten hier Schmuggler und Schleuser  in den Nächten mit Zöllnern und Grenzschützern das alte Katz und Mausspiel.  Mal gewannen die einen, mal verloren die anderen.

Wir gehen weiter. Eine Hinweistafel gibt Auskunft über eine in der Nähe befindliche Lünette. Bis 2010 säumten von der sowjetischen Armee erbaute Gebäude den Wanderweg.  Diese wurden, mit deutscher Gründlichkeit, ebenso dem Erdboden gleich gemacht, wie der unweit des Weges gelegene Pistolenschießplatz. Wie es scheint, soll hier nichts mehr an die hier jahrzehntelang residierende sowjetische Einheit erinnern.

Verschwunden ist auch das ehemalige Kulturhaus des Regimentes, inklusive des großen Saals, der Bühne und der mit russischen Folkloremotiven bedruckten Tapete. Schauplatz opulenter Feste, an denen auch ausgewählte Einwohner des Dorfes Kietz zuweilen teilnehmen durften.

Jetzt sind wir an der Artilleriekaserne angelangt. Das notdürftig reparierte, immer wieder aufgebrochene Tor steht seit einiger Zeit endgültig offen. Vorsichtig betreten wir das Kasernengelände. Das ein wenig hervor springende Gebäude auf der linken Seite diente einst als Reithalle. Pferde spielten hier bis in die Vierzigerjahre des 20.Jahrhunderts hinein, eine große Rolle. Dienten sie doch den Artilleristen zum Transport der Geschütze. Offiziere und andere Berufssoldaten verfügten jedoch auch über eigene Reitpferde.  Wie mein bereits erwähnter Großonkel, an dem ich jedes Mal beim Betreten des heruntergekommenen Kasernengeländes denken muss. Was er wohl dazu sagen würde?

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1994, drei Jahre nach dem Abzug der sowjetischen Soldaten, weilte er zum ersten und letzten Mal nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wieder vor „seiner“ Kaserne“. Wenn auch nur vorm Zaun. Zu diesem Zeitpunkt durfte, der militärischen Altlasten wegen, noch niemand das Gelände betreten.  Immerhin wusste der mittlerweile Sechsundsiebzig jährige noch immer genau, hinter welchem der vielen Fenster seine Stube lag. Er konnte auch noch die Stellen zeigen, an denen er als junger Rekrut auf Posten stand.  Immer wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht, als er von abendlichen Treffen zwischen den Artilleristen und jungen Mädchen aus Gorgast oder Manschnow auf den Treppen des gegenüber liegenden Bahnhofes “ Küstrin-Altstadt“ erzählte.

Nicht minder belustigte ihn die Erinnerung an die mindestens einmal im Monat stattfindenden gemeinsamen Ausritte der Berufssoldaten  in die Umgebung. Die ihn bis nach Genschmar, hin und wieder sogar bis nach Seelow führten. Und mit schöner Regelmäßigkeit in einer Kneipe endeten. Während sich die Vorgesetzten drinnen “ die Kante gaben“, passten draußen ein paar, extra zu diesem Zweck mitgenommene Rekruten auf die Pferde auf.  In jeder Armee typische Machtspielchen. Welcher “ Gediente“ kennt sie nicht?

1941, ausgerechnet einen Tag vor dem Überfall Hitlerdeutschlands auf die Sowjetunion, heiratete er meine Großtante Elli. Bereits am frühen Nachmittag beorderte ihn ein zur Hochzeitsgesellschaft ins fünfzehn Kilometer entfernte Schernow geschickter Kradmelder zurück in die Kaserne. Gegen Abend durfte er zwar noch einmal zurück nach Hause. Kurz darauf hieß es auch für ihn Abschiednehmen. Danach war nichts mehr so wie es einst war. Küstrin versank in Trümmern. Die Familie verlor die Heimat. Darüber hinaus zwang eine schwere Kriegsverletzung meinen Verwandten, sämtliche Zukunftspläne, er wollte nach seiner Militärzeit zur Polizei, aufzugeben.

Im Innern der  ehemaligen Reithalle finden sich noch heute Futterkrippen und eingemauerte Ringe. Ansonsten trifft man hier auf ein unbeschreibliches Chaos. Müll, Knochen, Scherben und vermodernde Reste von Uniformen und Ausrüstungsgegenständen bedecken den brüchigen Betonboden. In einer Ecke hängt sogar noch eine  verdreckte, übel riechende sowjetische Uniformjacke.

Im Frühling 2014 fanden Kinder in diesen Räumlichkeiten, passend zur gruseligen Umgebung, eine verweste, bis heute nicht identifizierte Leiche. Nix wie raus hier!

Auf der rechten Seite sehen wir das ehemalige Stabsgebäude.  Auf dem sich dahinter befindlichen Exerzierplatz wachsen inzwischen, neben allerlei Pflanzen, sogar kleine Bäume. Spätestens in zehn Jahren dürfte der Platz völlig von der Vegetation überwuchert sein.

Ich versuche mir vorzustellen, wie mein Großonkel, in der Uniform der Wehrmacht, blank geputzte Knobelbecher tragend, die Arme auf dem Rücken verschränkt, einst hier die Front der zur Ausbildung angetretenen Soldaten inspizierte.

Weiterhin sehe ich in meinem „Kopfkino“, Soldaten, die mit feierlich entschlossener Mine, auf diesem Platz, vor dem Abmarsch in den Tod, eine  aus Lautsprechern übertragene “ Führer-Rede“ lauschen.

Die dem Innenhof zugewandte Seite der Kaserne ist vom schleichendem Verfall gezeichnet.  Erblindete oder eingeschlagene Fensterscheiben, von den Fassaden großflächig abbröckelnder Putz, riesige Löcher in den Dächern, durch die mittlerweile, wie auf dem Exerzierplatz, Bäume sprießen.

An einem heißen Junitag des Jahres 1996 fand hier ein so genannter “ Tag der Oderinsel“ statt. Wieder einmal sollte es um die Zukunft gehen.  Deutsche und Polen übertrafen sich gegenseitig mit überbordenden Visionen. Noch im selben Jahr sollten die Kasernengebäude in Wohnungen umgewandelt werden. Ein Yachthafen, ein Hotel, eine Gaststätte und eine Dampferanlegestelle  und was weiß ich nicht noch alles, sollten ebenfalls entstehen.  Die 1996 bereits tüchtig abgekühlte Aufbruchstimmung erhielt noch einmal gehörig Auftrieb. Super teure  “ Machbarkeitsstudien“ wurden in Auftrag gegeben, nur um irgendwann in irgendwelchen Schreibtischen zu verschwinden. Bis der Hauptinvestor genervt aufgab.

Anlässlich dieses Tages durften einige Gebäude der Kaserne von der Öffentlichkeit betreten werden. Einige Zimmer  erweckten  durchaus den Eindruck, als könnten die  Soldaten jederzeit zurück kehren. An manchen Wänden hingen noch immer die Fotos von Mannschaften wie Dynamo Kiew oder Dynamo Moskau.   Dazu fanden sich bebilderte Schautafeln, die den Soldaten bestimmte Vorschriften näher bringen sollten. Fehlen durften auch die unvermeidlichen Wandzeitungen nicht.  Am Ende eines langen Flurs stieß ich auf eine Nachbildung des sowjetischen Ehrenmals in Berlin-Treptow.  Besonders beeindruckte mich eine geradezu Besenrein zurückgelassene Waffenkammer. In deren Fächern sogar noch die jeweiligen, mit Namen und Dienstgrad versehenen Waffenkarten standen.

Zwanzig Jahre sind seitdem ins Land gegangen. Es grenzt fast an ein Wunder, dass in den verluderten Gebäuden noch keiner der vielen hier heimlich herumstreifenden “ Historiker“ verunglückt ist. Strahlen doch diese Häuser einen geradezu magischen Reiz aus. Obwohl es in den mehrfach geplünderten Gebäuden nichts mehr zu holen gibt.

Die Artilleriekaserne wird wohl für alle Zeiten mit dem unter dem Beinamen “ Schlächter von Warschau“ unrühmlich in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs eingegangenen SS-General Heinz Reinefarth in Verbindung stehen.

Dieser, schon rein optisch gesehen unsympathische hohe SS-Offizier fungierte während   der “ Schlacht um  die Festung Küstrin“ als Kampfkommandant. Den ihm übertragenen Job übte er in gewohnter Grausamkeit aus. Kriegsmüde Soldaten landeten mit dem Strick um den Hals an der Laterne.   Wer sich vom Hunger getrieben, Lebensmittel oder andere Dinge aus den verlassenen Häusern aneignete, lief Gefahr als „Plünderer“ gehängt oder erschossen zu werden.

Ende März 1945 setzte die “ Rote Armee“ endgültig zum Sturm auf Küstrin an.  SS-General Reinefarth hatte seinen Gefechtsstand vom Küstriner Stadtschloss in der Altstadt, in die Artilleriekaserne verlegt. Aus deren Kellerräumen bereits seit Tagen das Jammern und Wehklagen schwer verwundeter Soldaten, um deren Leben übermüdete Ärzte nicht selten vergeblich kämpften, drang. Erwachsene, gestandene Mütter riefen im Fieberwahn nach ihren Müttern. Andere versuchten zu beten. Währenddessen streiften Feldgendarmen, auf der Suche nach “ versteckten Feiglinge“ durch die dunklen feuchten Kellerräume.

Am Gründonnerstag des Jahres 1945 versammelte Reinefarth zum letzten Mal die ihm unterstehenden Kommandanten der jeweiligen “ Kampfabschnitte“, zu einer Lagebesprechung. Zuvor hatte das “ Führerhauptquartier“ in Berlin einen Ausbruch der Küstriner „Restbesatzung“ kategorisch abgelehnt. Die “ Festung Küstrin“ sollte bis zur letzten Patrone gehalten werden. Diesen Umstand sah Reinefarth, in einer reichlich eigenwilligen Auslegung dieses unmenschlichen „Führerbefehls“, für gekommen.  Der sonst so “ Gehorsame“ SS-General entschloss sich, zum ersten Mal in seiner militärischen Karriere, einen Befehl nicht auszuführen.  Statt den aussichtslosen Kampf wie gefordert weiterzuführen, wollte er in der kommenden Nacht nach Westen, in den Raum Golzow / Gorgast, zu den deutschen Linien, durchbrechen. Ohne Zweifel ein “ Himmelfahrtskommando“.  Das aber wenigstens die geringe Chance in sich barg, dem höllischen Kessel von Küstrin zu entfliehen.

Reinefarth stellte den anwesenden Offizieren frei, sich an dem geplanten Unternehmen zu beteiligen. Widerspruch erntete er für seinen Pläne nicht. Die meisten Offiziere ahnten wohl auch, dass es Reinefarth lediglich um die eigene Rettung ging.  Dem “ Schlächter von Warschau“ hätten die Sowjets, vor allem jedoch die Polen, nur zu gern in die Hände bekommen. Darüber machte er sich keine Illusionen.  Ausgerechnet dieser grausame Offizier, der zuvor unzählige Soldaten und Zivilisten ohne  Skrupel in den Tod schickte, verspürte keinerlei Lust den “ Heldentod zu sterben“.

Nachdem Reinefarth Einvernehmen festgestellt hatte, ließ er noch einen letzten Funkspruch absetzen: “  Unsere Munition ist verschossen. Der Feind steht vor der Artilleriekaserne. Ich habe mich daher zum Rückzug nach Westen entschlossen.“

Oder so ähnlich.  Ich frage mich, warum noch immer keine Gedenktafel an diese schlimmen Tage erinnert. Pure Gleichgültigkeit? Unwissen? Oder will man selbst nicht mehr daran erinnert werden?

Wir gehen zurück zur Oderbrücke. An der, nach über siebenhundert Kilometern durch Deutschland, die Bundesstraße 1, sowie das Dorf Küstrin-Kietz endet. Autos rollen von oder nach Polen. Ungehindert, als wäre es nie anders gewesen. Als hätte es nie einen Zweiten Weltkrieg, eine sowjetische Garnison oder eine trennende Grenze gegeben. Wie sollen wir das Gute schätzen lernen, wenn man sich nicht zuweilen an das Schlechte erinnert?

 

Kuhbrücke

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Eigentlich könnte der virtuelle Rundgang durch Küstrin-Kietz an dieser Stelle beendet sein. Man kann aber nicht  über Küstrin-Kietz schreiben, ohne den kleinen Ortsteil Kuhbrücke wenigstens erwähnt zu haben.  Seinen ungewöhnlichen Namen verdankt das verträumte, ein wenig versteckt zwischen den Deichen liegende Dörfchen, einer vor langer Zeit in der Nähe befindlichen Brücke. Über der die Bauern der umliegenden Orte ihr Vieh zum Markt nach Küstrin trieben.  Gegründet wurde die „ Kuhbrücken-Vorstadt“, so der bis 1945 gültige Name, um 1820.  Zu den ersten Siedlern zählten, wie im gesamten Gebiet des heutigen Küstrin-Kietz, von der Oderinsel vertriebene Bewohner der „Langen Vorstadt“ und des Kietzes.

Bis 2010 gelangten die Küstrin-Kietzer ganz einfach über die an der Vorflut vorbei  und über den dortigen Bahnübergang am Damm entlang führenden Straße.  Der Bahnübergang  fiel mittlerweile der den PKW-Grenzverkehr über die Gleise der „ Ostbahn“ leitenden Straßenbrücke zum Opfer.  Besitzer von alten, nicht aktualisierten Navigationsgeräten, auf denen der Bahnübergang noch verzeichnet ist, geraten hier regelmäßig in Verwirrung.   Ortskundige Fußgänger nutzen regelmäßig einen schmalen Spalt an der Vorflutbrücke, kraxeln den ein wenig halsbrecherisch anmutenden Pfad unterhalb der Eisenbahnbrücke entlang, um anschließend wieder nach oben in Richtung Dammstraße zu steigen.  Die Mühe lohnt sich auf jeden Fall. Anderenfalls hätten wir jetzt umdrehen und einen mehrere Kilometer langen Umweg, durch den halben Ort,  dann weiter über die Kaiserallee, in Kauf nehmen müssen.

Wie so oft gehen meine Gedanken zurück in das Jahr 1989. In den ersten Tagen und Wochen meines damaligen  „ Grenzdienstes“, beschränkte sich der mir zugewiesene Verantwortungsbereich auf den Abschnitt zwischen der Eisenbahnbrücke und dem kleinen Weiler Kuhbrücke.  Der September gönnte der untergehenden „ Deutschen Demokratischen Republik“ wenigstens noch ein paar herrliche Frühherbsttage. Altweibersommer im Oderbruch.  Während ich oben auf dem Damm nach imaginären „ Grenzverletzern“ Ausschau hielt, warteten am Ufer der Vorflut, jeweils lediglich wenige Meter voneinander entfernt, Angler auf Beute.  An den Abenden verwandelten Nebelschwaden Bäume und Sträucher in bizarre Märchengestalten.  Den „ Erlkönig“ in Gedanken  immer wieer rezitierend, streifte ich im Hinterland der Staatsgrenze umher.

Eines Abends kam mir aus Richtung Kietz ein auffallend langsam fahrendes Motorrad entgegen.  Die Scheinwerfer des Fahrzeuges schienen defekt zu sein.  Der Fahrer hatte offenbar, vorschriftswidrig, lediglich das Standlicht eingeschaltet.  Plötzlich hielt er in einiger Entfernung an, schaltete Motor und Beleuchtung aus.  Mir kam die Angelegenheit alles andere als geheuer vor. Zwei Tage zuvor wäre ein „ Freiwilliger Helfer der Grenztruppen“,  unweit des „ Entenfangs“ beinahe verprügelt worden, als er eine Personengruppe beim beabsichtigen Durchschwimmen der Oder hindern wollte.  Hatte ich es etwa ebenfalls, zum ersten Mal, mit einem „echten Grenzverletzer“ zu tun?

Was sollte ich tun?  „ Meine“ beiden Bereitschaftspolizisten hatte man anderer Einsätze wegen, von der Grenze abgezogen. Ich stand Mutterseelenallein auf Posten.  Verstärkung konnte ich nicht rufen. Über meiner Schulter baumelte zwar ein kompakt aussehendes Funkgerät.  Kommunizieren konnte ich damit jedoch nicht.  Im Prinzip war es nichts weiter als ein überdimensionaler Funkmeldeempfänger.  Über dem mich der „ Operative Diensthabende“ des Volkspolizeikreisamtes Seelow zum nächstgelegenen Telefon beordern konnte.  Das aber befand sich gute zwei Kilometer weit entfernt.

Ich entschloss mich, hinter einem Baum in Deckung zu gehen. Daraufhin startete der Motorradfahrer sofort sein Fahrzeug. Ohne das Licht einzuschalten, fuhr er direkt auf mich zu.  Tief erschrocken, mit dem Mut der Verzweiflung, die eingeschaltete Taschenlampe schwenkend, sprang aus meinem Versteck hervor.  Abrupt hielt das Motorrad an. Erst jetzt erkannte ich den Fahrer- den für Kietz und Umgebung zuständigen „ Grenzabschnittsposten“ der Grenztruppen.  „ Ach, du bist es“, riefen wir, wie aus einem Mund, erleichtert auflachend.  „ Hoffentlich hat das niemand gesehen“, schnaubte der Grenzer, noch immer lachend.  „ Wie es aussieht, haben sich eben wohl Grenztruppen und Volkspolizei gegenseitig gejagt.“

 

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Oderdamm zwischen Küstrin-Kietz und Kuhbrücke

 

Jeder blamiert sich eben, so gut er kann.  Weitaus mehr als mit den Herbstereignissen 1989, steht die Dammstraße zwischen Küstrin-Kietz und Kuhbrücke, mit dem „ Schlussakt der Küstriner Tragödie“, Ende März 1945, im Zusammenhang.  Hier begegnen wir  auch  wieder einem „ alten Bekannten“, dem SS-General Heinz Reinefarth.

Nachdem das „ Führerhauptquartier“ den Ausbruch aus der „ Festung Küstrin“ abgelehnt und die Restbesatzung zum „ Heldentod“ verurteilt hatte und Reinefarth jenem bereits an anderer Stelle erwähnten, mehrdeutigen Funkspruch aus der Artilleriekaserne heraus nach Berlin sendete, überschlugen sich in Küstrin die Ereignisse.  Ungeordnet, völlig überhastet, versuchten sich noch in der Altstadt kämpfende Einheiten, über die Eisenbahnbrücke, auf das andere Ufer der Oder abzusetzen und anschließend an dem für Mitternacht avisierten Ausbruch in Richtung Westen, teilzunehmen.  Was längst nicht allen gelang!  Unmittelbar vor dem Ausbruch ließ Reinefarth die Eisenbahnbrücke sprengen. Mit samt den sich zum Zeitpunkt der Sprengung noch immer darauf befindlichen Soldaten!

Der Ausbruch sollte in zwei Kolonnen geschehen.  Eine Kolonne sollte sich über die relativ gut befestigte Kaiserallee und die andere, von der „ Wegspinne“ bei Kuhbrücke, am Abzweig nach Genschmar und Bleyen, über freies, baumloses Feld, zu den ca. vier bis fünf Kilometer entfernten deutschen Linien kämpfen.  Bei strömenden Regen, in stockdunkler Nacht.

Die Kolonne an der Kaiserallee brach zuerst auf.  Wer glaubt, dass diese Soldaten einen vergleichsweise komfortablen Ausbruch erlebten, sitzt einem gewaltigen Irrtum auf.  Zogen sie doch sofort die Aufmerksamkeit und das Feuer einer am nördlichen Rand von Küstrin-Kietz operierenden, von der Explosion der Eisenbahnbrücke ohnehin bereits alarmierten sowjetischen Granatwerfereinheit auf sich.

Gleichzeitig wuchsen damit die Chancen der in Kuhbrücke wartenden Kolonne. Bei der sich neben Reinefarth, auch der Bürgermeister von Küstrin und Kreisleiter der NSDAP in Personalunion, Körner, befand.   Hatte der skrupellose SS-General die Soldaten an der Kaiserallee absichtlich, zur Rettung der eigenen Haut, „ ins offene Messer laufen lassen“?  Bewiesen werden konnte dieser später häufig geäußerte Verdacht bis heute nicht. Zuzutrauen wäre diesem Teufel in Menschengestalt sicherlich gewesen.  Hinlänglich erwiesen ist jedoch, dass Reinefarth nicht, wie zuweilen behauptet, an Bord eines Panzers aus dem Ring um Küstrin geflohen ist.  Er ist, wie alle anderen auch,  in verzweifelter Todesangst, Kilometerweit über den aufgeweichten Oderbruchacker gerannt.  Während ein großer Teil der Soldaten dabei den Tod fand oder verwundet in nicht selten jahrelange Gefangenschaft geriet, gelangten Reinefarth und Körner unversehrt in die Obhut der im Raum Gorgast-Golzow stehenden Wehrmacht.

Passiert ist den beiden Verbrechern auch später nichts.  Das für Reinefarth wegen Befehlsverweigerung avisierte Kriegsgerichtsverfahren fand wegen der baldigen endgültigen Niederlage Hitlerdeutschlands nicht statt.  Im Nachkriegsdeutschland durfte der „ Schlächter von Warschau“  und mindestens auch von Küstrin, nicht nur als Rechtsanwalt praktizieren, sondern auch als Abgeordneter im Landtag von Schleswig-Holstein sitzen und als Bürgermeister die Geschicke der Stadt Westerland auf der Insel Sylt, lenken.  Er musste zwar eines „dezenten Hinweis auf seine Vergangenheit“ wegen, die Karriere als Lokalpolitiker beenden,  aber für seine Untaten zur Verantwortung gezogen wurde der Kerl nie! Ein, wegen seiner Beteiligung an Kriegsverbrechen anscheinend“ lustlos“ geführtes Ermittlungsverfahren, wurde ohne Anklage eingestellt. Manchmal kann man nicht annähernd so viel essen, wie man kotzen möchte!

Nach einem etwa einen Kilometer langen Fußmarsch entlang der von dicken alten Bäumen bestandenen Dammstraße, haben wir die besagte „ Wegespinne“ erreicht.  Nach Westen hin weitet sich das Land bis zum Horizont.  Lediglich von einem wenige hundert Meter entfernten Schilfbruch und einigen Baumreihen unterbrochen. Über dieses Feld sind in der Nacht zum Karfreitag des Jahres 1945 hunderte, von Hunger, Müdigkeit und Verletzungen bereits enorm geschwächter Männer um ihr Leben gelaufen.  Geleitet von einigen ortskundigen Führern und dem unbändigem Überlebenswillen.  Das sie sich dabei gezwungen sahen ihrerseits Leben auszulöschen, das der auf dem Feld postierten, gleichfalls an ihrem Leben hängenden Sowjetsoldaten,  widerspiegelt die ganze brutale Absurdität eines Krieges.  Nein, hier kämpften keine  Heldentypen für irgendwelche obskuren „ höheren Ziele“.  Auch nicht , „ das Gute gegen das Böse“.  Sondern ganz normale Väter, Söhne, Verlobte und Ehemänner, um die Rückkehr ins „normale Leben“.   Noch heute finden sich die Hinterlassenschaften der Kämpfe,  unter anderem Granatsplitter, Patronenhülsen, abgeschossene Projektile und die Flügel von Granaten, auf dem Acker. Finger weg von dem Zeug! Manches ist gefährlicher als es auf dem ersten Blick erscheinen mag.

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Blick vom Oderdamm  bei Kuhbrücke nach Westen. 

Man benötigt eine enorme Phantasie, um sich das Grauen welches sich auf diesem heute so friedlichen Stück Oderbruch im Frühjahr 1945 abspielte, auch nur annähernd vorzustellen.  Und doch hat sich hier eine der letzten Tragödien des Zweiten Weltkriegs ereignet. Ob so etwas wieder passieren kann? Das kann ich mir erst recht nicht vorstellen.  Aber unsere Vorfahren hätten sich vor dem Zweiten Weltkrieg wohl ebenfalls nicht träumen lassen, dass in ihrer Heimat bald die Apokalypse herrscht.

Schauen wir uns doch noch ein wenig in Kuhbrücke um.  Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg werden wir so schnell  nicht los.  Rechts sehen wir ein  zwei gemauerte Torpfeiler. Die letzten Überreste einer im Krieg zerstörten Gärtnerei.  Auf der linken Seite prangt die Ruine des ebenfalls im März 1945 schwer zerstörten „ Bürgergarten“, einer einst bei den Küstrinern beliebten Ausflugsgaststätte.   Diese Gaststätte diente während der Kämpfe dem „ Abschnittskommandanten“, einem Wehrmachtmajor Namens Schulze, als Gefechtsstand.  Vom Keller aus dirigierte er die in den Gräben liegenden Soldaten.

Vom „ Bürgergarten“ existieren, Anfang des 20.Jahrhunderts aufgenommene Fotos.  Die schwarz-weiß-Bilder zeigen, für unseren heutigen Geschmack, ein wenig seltsam gekleidete Menschen. Männer in steifen Anzügen.  Wallende Kleider und runde große Hüte tragende Frauen.  Als Matrosen „verkleidete“ Jungen. Auf den Tischen im Außenbereich des „ Bürgergartens“ stehen volle Biergläser und Kuchenteller.   Aus den Weiten der Vergangenheit heraus, schauen mich diese Menschen an.  Sie scheinen zufrieden mit sich und der Welt zu sein.  Wenige Jahre nach dem Entstehen dieses Fotos brach der  Erste Weltkrieg aus.  Das zufriedene Weltbild der Küstriner bekam erste tiefe Risse. Bis es 1945 endgültig zusammenbrach.  Was wohl in diesen Zeiten aus dem Menschen aus dem Foto geworden sein mag?

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Ruine des “ Bürgergartens“, im Jahre 2014

Nach einer weiteren kurzen Strecke gelangen wir zum Fischereibetrieb Schneider. Der Fischer wohnt nicht nur auf dem Betrieb, er betreibt hier auch eine Pension. Feriengäste aus  ganz Deutschland kehren alljährlich bei ihm ein.  In Zeiten eines immer deutlicher voranschreitenden Klimawandels, der immer häufiger für extreme Wasserstände der Oder sorgt, im Positiven wie im negativen Sinn, kann er nicht mehr von der Fischerei allein leben.

Das Wohnhaus der Familie Schneider wurde vor einigen Jahren an der Stelle eines alten Hauses erbaut. Dieses Haus gehörte der Familie Kruse, die ebenfalls dem Fischereihandwerk nachging.  Vom Fischer Kruse ist nicht viel bekannt.  Desto mehr jedoch von seiner Frau Charlotte. Der  einst weit über die Grenzen des Oderbruchs hinaus bekannten, geradezu legendären „ Fischlotte“.

Diesen Beinamen verpasste ihr der Volksmund während ihrer Zeit als Fischverkäuferin in der „ Fisch & Gemüsekaufhalle“  in  der Seelower Straße der Jugend.  „ Fischlotte“  war nicht nur eine begnadete, von manch einem sogar gefürchtete Rhetorikerin, sondern auch ein besonderes Verkaufstalent. Laut Legende, sollen etliche Kunden, die eigentlich nur ein paar Heringe kaufen wollten,  den Laden anschließend mit vollen Taschen verlassen haben.

Charlotte Kruse konnte „ Punkt und Komma“ reden.  Ohne dem Gegenüber  selbst zu Wort kommen zu lassen.   Man kann diese Frau nicht beschreiben. Man muss sie erlebt haben. Leider ist das nicht möglich, ist sie doch vor gut zehn Jahren, hochbetagt, in einem Altersheim verstorben.  Mit dieser Frau starb eine der letzten lebenden Legenden des Oderbruchs.  Eine Legende, von der jedoch zuletzt „ immer mehr der Lack abplatzte“.

Für die Seelower Polizei, besonders bei den Telefondienst leistenden, galt „ Fischlotte“  in der „ Wende und Nachwendezeit“,als regelrechtes Schreckgespenst.  Regelmäßig „ schüttete sie den Diensthabenden, unter Missbrauch des Polizeinotruf 110, mit „ Informationen“ förmlich zu.  Wobei keine der Informationen auch nur die leiseste polizeiliche Relevanz besaßen.   Die Bezeichnung Denunziation wäre wohl der passendere Begriff dafür.   Polizeiliche Maßnahmen ergaben sich aus den zahlreichen Telefonaten jedenfalls nicht.  Wenn man davon absieht, dass hin und wieder, zur Beruhigung von „Fischlotte“, ein Funkstreifenwagen nach Kuhbrücke beordert wurde.

Ich selbst hatte mehrmals die Ehre, spät in der Nacht im Wohnzimmer von Frau Kruse zu sitzen und ihrem Redeschwall zu lauschen.  Nicht nur mir kam damals der Verdacht, dass die  zunehmend vereinsamte Frau einfach nur jemanden zum Reden benötigte. Polizisten gelten ja für gewöhnlich als besonders geduldige Zuhörer.  Schon zu Zeiten der „ Deutschen Grenzpolizei“, dem Vorläufer der Grenztruppen der DDR,  sollen Uniformierte im Hause Kruse ein und ausgegangen sein. Bis der Kommandeur der Grenzkompanie Kietz seinen Mannen unter Androhung drakonischer Strafen, die „Hausbesuche“  bei der Fischverkäuferin, während des Streifendienstes an der Oder, untersagte.  Angeblich soll „ Fischlotte“ die Grenzer nicht nur vollgequasselt, sondern nicht selten sogar abgefüllt haben.  Ruchbar wurde der Frevel erst, als jemand im Suff seinen Karabiner bei der smarten Fischersfrau stehen ließ.

Nach der Wiedervereinigung kursierten in Küstrin-Kietz Listen mit den Klar und Decknamen früherer, im Dorf ansässiger „ Inoffizieller Mitarbeiter“ der Staatssicherheit.  Dass sich auch der Name von Charlotte Kruse auf dieser Liste befand, verwunderte zu diesem Zeitpunkt,  kaum jemanden in Kuhbrücke. Allerdings besitzt „ Fischlottes“ Führungsoffizier noch heute mein volles Mitleid.  Anders als die Polizei, musste er anschließend Charlottes Powertalking in Berichtsform wiedergeben.  Arme Stasi! Zum Zeitpunkt des Auftauchens der Liste erinnerten sich ältere Einwohner, dass „ Fischlotte“  einfache sowjetische Soldaten aus der benachbarten Garnison Kietz, die in Kuhbrücke Lebensmittel eintauschen wollten, bei ihren Kommandeuren „verpfiffen“ haben soll.  Plötzlich tauchten immer mehr „ delikate Details“ aus dem Leben der Charlotte Kruse auf.  Ihren Legendenstatus büßte die heute weitgehend vergessene Frau damit endgültig ein.  Kann man wirklich den Stab über „Fischlotte“ brechen? Wer ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein! Das steht schon in der Bibel.  Für mich ist diese Frau, in all ihrer Widersprüchlichkeit,  ein Produkt ihrer Zeit. Und des Landes, in dem sie die meiste Zeit ihres Daseins lebte. Der DDR.

Lassen wir „ Fischlotte“ ruhen.  Vom Damm, auf dem Bänke zum Ausruhen einladen, kann man über die Oder hinweg bis nach Kostrzyn ( Küstrin-Neustadt) hineinsehen.  Am anderen Ufer ragen zwei Schornsteine in den Himmel.  Sie gehören zur traditionsreichen Zellulosefabrik Kostrzyn.  Für mich sind diese Schornsteine, seit meiner Kindheit, so etwas wie ständige Begleiter.  Egal wo ich bisher im Oderland wohnte, in Wilhelmsaue, Libbenichen, Manschnow und zuletzt in Küstrin-Kietz, überall hatte ich diese Schornsteine vor den Augen.  Allerdings, auf Grund der unterschiedlichen Entfernungen, mehr oder weniger deutlich.

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Auf dem Damm bei Kuhbrücke

Der Wasserturm stand einst in der Zorndorfer Straße in der Küstriner Neustadt.  Eigentlich steht er dort noch immer. Nur das die Zorndorfer Straße heute ulica Sportowa und Küstrin-Neustadt Kostrzyn heißt. Panta Rei. Alles fließt.

In Kuhbrücke finden sich noch einige aus dem 19. Jahrhundert stammende Häuser, welche wundersamer Weise das Inferno des Zweiten Weltkriegs überstanden haben. Diese gehören heute meist Ruhe suchenden “ Zugezogenen“. Es sei ihnen vergönnt!

Ruhe findet man hier im Überfluss. Friedlich grast ein Pferd auf einer Weide. Jemand werkelt, ohne aufzusehen, in seinem Garten. Fahrradfahrer radeln an mir vorbei. Ich stehe wieder auf dem Deich, schaue noch einmal in die Ferne. In Momenten wie diesen, fühle ich mich unermesslich reich.  Ein Reichtum den man nicht in Geld beziffern kann. Warum auch? Was bedeutet schon ein “ fettes Konto“ gegen die Erkenntnis, in einer der schönsten Gegenden Deutschlands zu leben?

Ende

 

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3 Gedanken zu “Ein Spaziergang durch die Geschichte von Küstrin-Kietz

  1. I’m trying to trace my family roots and would very much appreciate any information you have and if possible let a photo of the inscription on the gravestone of the Nielow that is buried there .
    My Mother’s family name was Nielow and she came from Berlin but other than knowing my grandfather was Emil Willi Nielow I have no other info at all , any help would be greatly appreciated , many thanks , Mike .

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  2. Moin. Ich finde es sehr gut, dass es Menschen gibt die solche Seiten ins Netz stellen.
    Gerade für mich der zwar sehr spät aber eben immer mehr die Nähe zur heimat seiner Großmutter und den ihrigen finden. Es ist schon mehr eine tiefe Verbundenheit mit der „Erde“ auf der sie lebten, arbeiteten und die sie ernährte. Als ich das erste mal an der Stelle stand, an der meine Großmutter täglich mit der Fähre nach Lebus übersetze, um zur Schule zu kommen, kamen alle Gefühle auf einmal hoch und ich war ihr noch nie so nah wie in diesem Moment. Leider auch mit dem Schuldgefühl, nie mit ihr, zu Lebzeiten, an ihren Geburtsort zurückzukehren.
    Danke für die Mühe und weiter so.
    MfG Schmidt / Schönemann

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