Reitwein-wo der Mantel der Geschichte rauscht…..

Teil 1-Von der Bahnlinie zur  Gaststätte “ Zum Heiratsmarkt“

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Reitwein-Perle des Oderbruchs. Mit diesem Superlativ wirbt eine Website für den kleinen, malerisch am Fuß eines nasenartig in die Landschaft ragende Ort. Superlative und Oderbruch? Ist das nicht schon von vornherein ein Widerspruch?
Nein. Wer Reitwein kennt, weiß dass diese Bezeichnung nicht von ungefähr kommt. Auch wenn man dem Dorf seine besonderen Reize nicht auf dem ersten Blick ansieht. Aber das hat Reitwein wohl mit dem gesamten Oderbruch gemeinsam. Für alle die, die Reitwein noch nicht kennen sollten, empfiehlt sich dringend ein Besuch. Alternativ kann sich der Interessierte Tourist auf den kommenden Seiten schon mal ein paar Anregungen holen.
Ok, wo fangen wir an? Selbstverständlich am Ortseingang. Von der B 112 geht es zunächst zwei Kilometer in Richtung Osten. Zu verfehlen ist Reitwein auf keinen Fall. Zum einen weist, vor oder hinter Rathstock, je nachdem aus welcher Richtung die Annäherung erfolgt, ein Wegweiser am Abzweig nach Reitwein auf das nahe Ziel hin. Zum anderen ist die markante „ Reitweiner Nase“, nebst dem vor einigen Jahren restaurierten Kirchturm über viele Kilometer im Oderbruch zu sehen. Bei sehr guter Fernsicht ist der bläulich schimmernde Höhenzug sogar bis in die Gegend von Letschin zu erkennen.

 

Wir halten an einem Seitenweg, gegenüber des ehemaligen, an der ebenso ehemaligen Bahnlinie Küstrin-Kietz-Frankfurt (Oder) gelegenen Haltepunktes Reitwein. Von hier aus geht es zu Fuß weiter. Unmittelbar am Bahndamm befindet sich ein Holzkreuz. Gewidmet eines hier in der Nähe im Frühjahr 1945 gefallenen deutschen Soldaten. Einer von tausenden deutschen und sowjetischen Soldaten, die in den wochenlangen Kämpfen um Reitwein ihr zumeist noch junges Leben verloren. Überhaupt, ziehen sich die noch heute an einigen Häuserfassaden und der Natur deutlich sichtbaren Spuren des Zweiten Weltkriegs wie ein roter Faden durch Reitwein.

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Feldgrab eines Anfang 1945 bei Reitwein gefallenen deutschen Soldaten

Militärhistoriker denken bei dem Wort Reitwein in erster Linie an den sowjetischen Brückenkopf über die Oder. Und natürlich an den Befehlsbunker auf dem Gipfel der Reitweiner Berge, von dem aus der sowjetische Kult-Marschall Georgi Schukow am 16. Und 17. April 1945 die in die Weltgeschichte eingegangene „ Schlacht bei den Seelower Höhen“ lenkte und leitete. Richtig. Aber Reitwein hat, sowohl für Historiker als auch Naturfreunde noch einiges mehr zu bieten. Viel mehr.

Rechts neben der Straße, wiederum unterhalb der ehemaligen Bahnlinie, stößt man auf von der Vegetation überwucherte Erdaufschüttungen. Diese gehören jedoch nicht, wie es zunächst erscheinen mag, zum Bahndamm. Wir stehen hier vor den jahrhundertealten Resten eines aus dem 15. Jahrhundert stammenden Oderdamms. Zaghafte Versuche die Oder einzudämmen, um die Menschen vor dem immer wiederkehrenden Hochwasser zu schützen, gab es also bereits lange vor der Zeit Friedrich des Großen. Im Mittelalter plätscherte die Oder noch in unzähligen Nebenarmen verzweigt durch die Lande. Die wenigen Ansiedlungen waren so etwas wie Inseln der Zivilisation in Mitten der Wildnis. Gefahr drohte nicht nur vom Hauptstrom selbst, sondern auch von den besagten Nebenarmen. Anders kann ich mir jedenfalls die Existenz eines Schutzdammes, am westlichen Rand des Dorfes, kilometerweit von der Oder entfernt, nicht erklären.
Wir gehen wieder zur Straße zurück. Von der die Fahrbahn querenden Bahnlinie sind kaum mehr als die Betonschwellen übrig geblieben. Lange vorbei die Zeiten, als vollbesetzte Züge, speziell an Sonn und Feiertagen, massenhaft Ausflügler aus der näheren und ferneren Umgebung nach Reitwein transportierten. Gegen Ende des 19.Jahrhunderts wurde der Anschluss an die Eisenbahn als Beginn einer neuen Zeit, frenetisch gefeiert.

Das Sterben der Bahnlinie, ein gutes Jahrhundert später, vollzog sich vergleichsweise unbemerkt. Nur wenige Fahrgäste wollten noch mit der Bahn reisen. Zumindest nicht von Küstrin-Kietz nach Frankfurt (Oder) via Reitwein, Podelzig und Lebus. Im „ Jahre 10 nach der deutschen Wiedervereinigung“ wollte kaum noch jemanden längere Anfahrtszeiten und den bescheidenen Komfort der Bahn in Anspruch nehmen. Wo doch bei fast jeder Familie ein „ schneller Flitzer“ in der Garage stand.
Autofahren bedeutet Unabhängigkeit von Fahrplan und „ fahrplanmäßigen“ Verspätungen. Das eine Eisenbahnlinie dennoch in punkto Tourismusentwicklung von Vorteil sein kann, bemerkte man erst „ zehn Minuten nach Zwölf“. Nach dem endgültigem Abbau der Gleisanlagen.

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An der stillgelegten Bahnlinie zwischen Reitwein und Neu Manschnow

Hinter dem Bahnübergang, der bekanntlich keiner mehr ist, steht eine uralte dicke Eiche. Der imposante Baum hat in seinem langen Dasein wohl nicht nur die Bahn kommen und gehen sehen. Schade, dass Bäume nicht reden können. Wenige Meter darauf kommen wir an einem erst vor einigen Jahren erbauten Eigenheim vorbei. Normalerweise nichts Besonderes. Eigenheime gibt es schließlich wie der berühmte Sand am Meer. Was dieses Haus so besonders macht, ist sein Erbauer. Dieter Finger, einst eines dieser berühmten Filmkinder von Golzow. Schon als Schüler eher Praktiker als Theoretiker. Zimmermann, Unteroffizier der NVA, dann wieder auf dem Bau tätig, treusorgender Familienvater und für die DDR als Bauarbeiter in Libyen im Einsatz. Handwerklich hoch begabter Tausendsassa in Person.

Und doch am Ende gezwungen das gerade erst bezogene Eigenheim wieder zu verkaufen und, wie viele andere, gen Westen zu ziehen. Der Arbeit hinterher. Wenn selbst Alleskönner wie Dieter Finger keine Anstellung mehr finden, dann ist was faul im Staate Dänemark. Beziehungsweise im Lande Brandenburg. Ist doch wahr!
Zu den kulturellen Highlights in Reitwein zählt zweifellos der so genannte, an jedem ersten Wochenende nach Pfingsten abgehaltene „Heiratsmarkt“. Dahinter verbirgt sich nicht nur eines der üblichen Volksfeste. Obwohl für das leibliche Wohl überreichlich gesorgt und am Abend zum Tanz aufgespielt wird.

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Gaststätte “ Zum Heiratsmarkt“

Wie es der Name schon vermuten lässt- an dem besagten Wochenende darf jede(r), in einem „ unordentlichen Standesamt“, einen temporären Ehebund eingehen. Begrenzt auf die Dauer des Heiratsmarktes. Manch einer, der wie ich eine teure Scheidung hinter sich hat, würde sich wünschen, dass Ehen grundsätzlich auf zwei Tage begrenzt werden.
Die Anfänge des Reitweiner Heiratsmarktes gehen bis weit in das 19.Jahrhundert zurück. Feiern konnte man in Reitwein schon immer. Auch nach dem Zweiten Weltkrieg, anfangs noch in Mitten von Trümmerbergen, fand die Tradition eine begeisterte Fortsetzung. Wer wollte es den Menschen, nach all dem erlittenen Leid verdenken, dass sie sich endlich wieder ein wenig Vergnügen gönnen wollten?
In den Fünfzigerjahren fand jedoch irgendwann der vorerst letzte Heiratsmarkt statt. Über die Gründe kann ich nur spekulieren. Bekanntlich hielt die DDR, vor allem in ihrer „ Flegelzeit“, nicht viel von den Traditionen aus der Vorkriegszeit. Möglicherweise mangelte es auch nur am schnöden Mammon, ohne den auch in der DDR kein Volksfest organisiert werden konnte.

Wie dem auch sei-die Erinnerungen an viele rauschende Heiratsmärkte lebte über die Jahrzehnte im Oderbruch fort. Am 28. Mai 1983, also noch zu „Lebzeiten“ der DDR, erlebte Reitwein endlich ein Comeback des Heiratsmarktes. Ich war an diesem Tag dabei. Als neunzehnjähriger junger Kerl. Zusammen mit zwei Kumpels hatte mich die von ungezählten schwärmerischen Erzählungen älterer Bekannter angestachelte Neugier in das von meinem damaligen Wohnort gut dreißig Kilometer entfernte Reitwein verschlagen.
Dreißig Kilometer stellten, im Sattel einer „ Schwalbe“, schon eine Herausforderung dar. Zumal ich Reitwein bislang nur aus der Ferne kannte. Unsere „ Jagdgründe“ lagen zwischen Letschin und Neuküstrinchen. Höchste Zeit, zu neuen Ufern aufzubrechen.
Mein aus einem zwanzig Kilometer östlich von Küstrin, nun zu Polen gehörenden Dorf stammender Großvater gab mir mit auf dem Weg, dass er in dem Reitwein gegenüberliegenden Städtchen Göritz, heute Gorzyca, als junger Bengel mehrmals im Jahr Vieh verkauft hat. Bei der Gelegenheit erfuhr ich auch zum ersten Mal, dass meine Großmutter, mein Vater und andere aus der früheren Neumark stammende Verwandte, im Juni 1945 eine Nacht in Reitwein verbracht hatten. Nachdem sie von polnischen Soldaten über eine provisorische Oderbrücke, unweit des besagten Städtchens Göritz, aus ihrer Heimat verjagt wurden. Wie viele tausend andere Neumärker.

Das Jahr 1945 lag für mich gefühlte Eintausend Lichtjahre entfernt. Höflich nickend, nahm ich die Informationen entgegen, ohne sie wirklich zu verinnerlichen. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte hob ich mir für später auf. 1983 spukten ganz andere Dinge in meinem unreifen Kopf umher.
An diesem 28. Mai 1983 bewegte sich eine schier unüberschaubare Anzahl von Fahrzeugen und sommerlich gekleideten, sichtlich gut gelaunten Zeitgenossen verschiedenen Alters auf das kleine Oderbruchdorf zu. Für zusätzlichen Nachschub sorgte die damals noch verkehrende „ Deutsche Reichsbahn“. Als Parkplatz diente eine größere Brachfläche, ein paar hundert Meter vom Ortseingang entfernt. Zu Fuß „ schwammen wir im Strom der Leiber“, bis zur Eintrittskasse, an der uniformierte Feuerwehrleute die begehrten Karten verkauften.

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Auftritt der bekannten Schlagersängerin Andrea Jürgens auf dem Reitweiner Heiratsmarkt im Jahre 2005

Das eigentliche Festgelände befand sich, wie eh und je, auf der Wiese vor der Gaststätte „ Zur Friedensgrenze“. Ein für Wirtshäuser in der Nähe von Oder und Neiße zu jener Zeit häufig „gewählter“ Name.
Erst nach der Wiedervereinigung erhielt das Haus die ursprüngliche Bezeichnung, „ Gaststätte Zum Heiratsmarkt“ wieder zurück.
An jenem Wochenende im Mai 1983 spielte der Name der Gaststätte ohnehin keine Rolle. Ganz Reitwein schwebte auf einer Welle der Begeisterung. Menschen, die sich lange nicht gesehen und eigens zur Wiedereröffnung des Heiratsmarktes angereist waren, lagen sich glücklich in den Armen. Andere sahen sich historische Fotos von früheren Feiern an und tauschten lebhaft Erinnerungen miteinander aus.

„Weißt du noch?“, „ Schau mal hier…“, „ Schade dass das mein Willy nicht mehr erleben darf“, Satzfragmente wie diese drangen von allen Seiten an mein Ohr. Pfiffige Händler bemühten sich allerlei Ramsch an den Mann oder die Frau zu bringen, den es in DDR-Läden gewöhnlich nicht zu kaufen gab. Besonderer Beliebtheit erfreuten sich bunte Sticker mit dem Konterfei beliebter westlicher Musikgruppen. Dreißig Mark das Stück. Ein Vielfaches des eigentlichen Wertes.
Reitwein feierte nicht irgendein Fest. Reitwein hatte an jenem Wochenende ein Stück traditioneller Identität zurück erhalten. Um die Gefühle der Einwohner nachzuempfinden, braucht man sich nur vorzustellen wie sich wohl die Münchener fühlen würden, wenn ihnen das Oktoberfest weggenommen worden und nach vielen Jahren wiedergegeben worden wäre. Heiratsmarkt und Reitwein bildeten wieder eine Einheit. Umso unverständlicher, dass das Fest zweiunddreißig Jahre später kleinlichen Streitereien zum Opfer fiel und zum ersten Mal seit 1983 nicht in gewohnter Form stattfand. Der Reitweiner Heiratsmarkt gehört für einige offenbar schon dermaßen zur Normalität, dass sie dessen Wert erst wieder schätzen lernen, wenn sie ihn erneut verloren haben. Soweit wird es jedoch hoffentlich nie mehr kommen.

2. Teil- Von der Gaststätte zum Schloss

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das ehemalige Schlossgelände

Mit diesen Gedanken im Kopf setzten wir die Wanderung fort. Noch ein letzter versonnener Blick auf die, die meiste Zeit des Jahres öd und verlassen daliegende Festwiese vor der Gaststätte. Dann geht es auch schon weiter.
Wir lenken die Schritte in Richtung Berge. Rechts weist ein Schild auf den Standort des ehemaligen Schlosses hin. Den Begriff Schloss sollte man in Brandenburg, zumal im Oderbruch, nicht allzu eng sehen. Prunk und Pracht passen nun einmal nicht zum herben Charme der Landschaft.
Ehe wir uns mit der Geschichte des Schlosses beschäftigen, möchte die Aufmerksamkeit auf den unscheinbaren Flachbau am rechten Rand des Areals lenken. Dem ehemaligen Dorf-Konsum.

Was an dem alles andere als baulich schönem Gebäude so besonders ist, werde ich ihnen sofort erklären. Eigentlich nichts. Einen „ Konsum“, dem DDR-Pendant des von Udo Jürgens besungenen „ Tante-Emma-Ladens“ gab es schließlich früher fast überall in der Gegend. In einer windigen, ungemütlichen Nacht im Februar 1992 wurde dieser Dorfladen zum Schauplatz eines denkwürdigen Kriminalfalls. An dem sich insbesondere die involvierten Ganoven noch sehr lange schmerzlich erinnert haben dürften.

Aber der Reihe nach: Bereits in den letzten Wochen vor der Wiedervereinigung Deutschlands rollte eine Kriminalitätswelle bis dato unbekannten Ausmaßes über das Oderland. Diese Welle mutierte in den kommenden Jahren zu einem regelrechten Tsunami. Die berüchtigten „ Rumänen-Banden“, aber auch deutsche Tätergruppen hielten die Polizeiwache Seelow in Atem. Zu dieser Zeit übernahm eine junge Frau aus Reitwein den ehemaligen Dorf-Konsum. Den Traum vom eigenen Geschäft erfüllten sich damals viele. Für allzu viele endete er jedoch in einem Alptraum. Es dauerte nicht lange, bis der kleine Laden zum ersten Mal ungebetenen nächtlichen Besuch erhielt. Wenige Wochen darauf wurde das Geschäft ein zweites Mal „ besucht“. Nicht allein das die Diebe Waren in einem vierstelligen Wert klauten. Fast noch schlimmer muteten die beim Eindringen angerichteten Zerstörungen an. Für die von der Versicherung mittlerweile geforderte teure Sicherheitstechnik fehlte der unglücklichen Betreiberin das Geld. Ein weiterer Einbruch würde jedoch das sichere Aus bedeuten. Von Verbrechern ruinierte Geschäftsinhaber sind, auch noch heute, leider keine Seltenheit in Deutschland.
Polizeihauptkommissar Dietrich Städtke, seinerzeit Chef der Polizeiwache Seelow, wollte dem Treiben im Kreis nicht länger zusehen. In der besagten Februarnacht sollten, im Rahmen einer Fahndungskontrolle, möglichst viele PKW und deren Insassen überprüft werden. Schwerpunktmäßig im Bereich der Bundesstraße 1 in der Kreisstadt selbst. Eigentlich stand in meinem Dienstfrei DF. Die Abkürzung für Dienstfrei. Aber erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. So gehörte auch ich zu den mehr oder minder begeisterten Häuflein Polizisten, welche in dieser Nacht der Kriminalität einen heftigen Schlag versetzten sollten. Nach den vielen Niederlagen die uns die Einbrecherbanden in den vergangenen Wochen bescherten, hätten wir uns wohl schon über einen „ Klaps“ gefreut.

Gegen 22:00 Uhr begann die Operation. Die Kontrollstelle befand sich an der Einfahrt zum städtischen Friedhof. Schon nach wenigen Minuten ging uns ein im Asylheim Diedersdorf lebender Rumäne ins Netz, der, ohne im Besitz einer Fahrerlaubnis zu sein, mit einem seit Ewigkeiten stillgelegten, nicht Haftpflichtversicherten Opel unterwegs war. Diebesgut fanden wir jedoch nicht. Weder bei ihm, noch bei den anderen in der Folge kontrollierten Fahrzeugführern.
Plötzlich, gegen 23:30 Uhr, ging ein Funkspruch des Diensthabenden der Polizeiwache Seelow bei den Kontrollkräften ein: „ Maßnahmen sofort abbrechen! Fahren Sie umgehend nach Reitwein, zur dortigen Verkaufsstelle. Dort wurden mehrere Täter von Bürgern beim Einbruch überrascht und gestellt.“
Also, ab nach Reitwein. So schnell es eben ging. Anfang 1992 trugen wir zwar bereits „ Westuniformen“, Fahrzeug und Funktechnik stammten jedoch noch immer aus den Beständen der ehemaligen Volkspolizei. Ok, wir auch. Aber das ist nun wieder ein ganz anderes Thema.

Unterwegs drängte der Diensthabende mehrmals zur Eile. „ Die Lage vor Ort droht zu eskalieren“, teilte der „ Oberbeamte“ kryptisch mit. Dass der Kollege keineswegs übertrieben hatte, zeigte sich sofort nach unserem Eintreffen. Vor dem Laden empfing uns eine erregte, teilweise nicht ganz nüchterne Menschenschar. Kräftige Männerfäuste hielten zwei verschüchterte, angstschlotternde Gestalten fest am Kragen. „ Da habt ihr euch ja wieder Zeit gelassen“, greinte eine Dame unter dem beifälligen Gejohle der Umstehenden, zur Begrüßung. Ein anderer schlug, wiederum unter lautem Beifall vor, „ dass wir ihm doch die Typen überlassen sollten. Schließlich würden Sie von der Polizei ohnehin spätestens morgen früh wieder auf freien Fuß gesetzt“.

Situationen wie diese fürchtet wohl jeder Polizist in der Welt. Bei allem Verständnis für den „ Volkszorn“-Selbstjustiz durfte auf keinen Fall geduldet werden. Angesichts der wütenden, sich gegenseitigen hochschaukelnden Massen, kein leichtes Unterfangen. Jetzt kam es darauf an, die beiden Delinquenten von den Leuten zu trennen, in zwei der drei Streifenwagen bugsieren und in den sicheren Zellentrakt der Polizeiwache zu verbringen. Während sich die anderen Polizisten in Ruhe um Anzeigenaufnahme und Tatortsicherung kümmerten. Unter gewohnt lautstarkem Protest, nach anfänglichen Diskussionen, bekamen wir die noch immer regelrecht Schockstarren Einbrecher „ überreicht“.
Glücklich dem Inferno bald entkommen zu können, wollte der Fahrer gerade den Streifenwagen starten, als einer der beiden Einbrecher, bei denen es sich um zwei knapp zwanzigjährige Deutsche handelte, unerwartet ausrief: „ Da oben auf dem Dach halten sich noch zwei Kumpels von uns versteckt. Lasst die bloß nicht hier zurück. Ich habe Angst, dass sie von den Verrücken da draußen gelyncht werden.“

Während der Fahrer im Auto verblieb, stürzten mein anderer Kollege und ich nach draußen. „ Da oben sind noch zwei“, sagte ich so leise wie möglich. Langsam gingen wir in Richtung Laderampe, auf der sich leere Kästen stapelten, über die man aufs Dach gelangen konnte. Das blieb dem „ Mob“ nicht lange verborgen. „ Wie, sind da etwa noch welche?“, schrie jemand, offenbar „ Eins und Eins zusammenzählend.
Uns blieb nichts anderes übrig, als die Vermutung zu bestätigen. „ Dann los, aufs Dach! Wozu zahlen wir denn Steuern?“, wurden wir sogleich angeblafft. Immerhin hielten ein paar Männer die zu Pyramiden aufgeschichteten Kästen fest, so dass ich in Begleitung eines zweiten Kollegen das Dach erklimmen konnte.

Zu meinem nicht geringen Leidwesen folgte uns, quasi auf dem Fuß, ein mit einer Spitzhacke bewaffneter Mittvierziger. Die Pistole in der Hand, schlich ich übers Dank. Hinter dem Schornstein kauerte, einem Hasen ähnlich, Täter Nummer Drei. „ Hände hoch, Polizei“, rief ich ihn an. „ Polizei? Gott sei Dank“, stammelte der Ganove. Blitzschnell legte ihm mein Kollege, seinen Körper zwischen den ebenfalls hinzugeeilten Reitweiner und den Einbrecher drängend, die Handschellen an.
„ Wo ist der Vierte?“ Der Einbrecher deutete mit dem Kopf zu einem ins Dach geschlagenen Loch. „ Dort hält er sich versteckt.“

„ Polizei, kommen Sie sofort heraus!“ Als nichts geschah, wiederholte ich die Aufforderung. Unvermittelt begann der Reitweiner, dabei mehrfach „ komm raus du Sau“ rufend, das Loch per Spitzhacke zu vergrößern. „ Weg da Mensch!“, herrschte ihn mein Kollege, der leider viel zu früh verstorbene, spätere Polizeiobermeister Achim West, an.
Ganove Nummer 4 hielt sich derweilen noch immer in der Enge, zwischen Dach und Balken eingezwängt, versteckt. Reizgas hätte ihn sicher aus dem Versteck vertrieben. Reizgas gehörte zu diesem Zeitpunkt ebenfalls noch nicht zu unserem Repertoire.
Plötzlich erhielten wir von völlig unerwarteter Seite Unterstützung. „ Eddi, du kannst ruhig rauskommen. Das sind nur die Bullen. Die tun dir doch nichts“, ermunterte „ Ganove Nummer 3“ seinen Komplizen zur Aufgabe.

Tatsächlich zeigte sich darauf ein Kopf. „ Ihr seid ja tatsächlich Bullen. Ich hätte nie gedacht, dass mich euer Anblick eines Tages freut“, meinte der sichtlich erleichterte Einbrecher.
Zu zweit eskortierten wir die beiden zum Rand des Dachs. Unten wartete bereits die von den anderen Kollegen mühsam in Schach gehaltene Menschenmenge. „ Bitte, bitte, beschützt uns“, bettelte einer der Täter. Polizei und Rechtsbrecher waren sich wohl selten so nah, wie in diesem Moment.

Letztendlich hatten wir es dann doch geschafft, die vier „ Galgenvögel“ heil nach Seelow zu verfrachten. Freimütig erzählten sie uns die aus Berlin stammenden Ganoven, dass es nicht ihr erster „ Bruch“ in Reitwein gewesen sei. Das abgelegene Dorf, die Tatsache das die nächste Polizeiwache gute fünfzehn Kilometer entfernt lag und die günstige Fluchtmöglichkeiten verheißende Nähe zu zwei Bundesstraßen, hatte das Oderbruchdorf geradezu für ihre illegalen Zwecke prädestiniert.

Mit der Wachsamkeit der Dorfbewohner hatten sie jedenfalls nicht gerechnet. Wie sich später herausstellte, hatte ein aus der Gaststätte heimkehrender Reitweiner die Einbrecher eher zufällig bemerkt, dann jedoch das halbe Dorf alarmiert.
Einer der zum Laden eilenden Einwohner, ein Jagdpächter, führte sogar seine Flinte mit sich. Mit der er, mittels eines krachenden Warnschusses in die Luft, die Flucht eines der Einbrecher verhinderte. Das ganze mag den Außenstehenden wie eine Szene aus einem schlechten Wildwestfilm anmuten. Es spiegelt aber auch die allgemeine Wut der Bevölkerung über die, ihrer Meinung nach, ungehindert agierenden Kriminellen wieder. Die ihnen ihren!!! Laden, der für viele ältere Mitmenschen die einzige Einkaufsmöglichkeit weit und breit darstellte, nahmen.
Das die von den Ereignissen ebenso überraschte, noch in der Übergangs und Aufbauphase befindliche Polizei ebenfalls einen Teil der unbändigen Wut zu spüren bekam, liegt in der Natur der Sache. Ich habe nie erfahren, ob sich das kriminelle Kleeblatt je für die Einbrüche in Reitwein je vor einem Gericht verantworten musste. Sie haben sich jedenfalls nie mehr im Dorf blicken lassen. Wenige Jahre sah sich die Ladenbesitzerin dennoch gezwungen „ das Handtuch zu werfen.“ Gegen die wie Pilze aus dem Boden schießenden Discounter besaß die Dame nicht einmal die Spur einer Chance.

Fast ein Vierteljahrhundert ist seitdem vergangen. Jahre die wie im Flug vorbei rasten und ihre unübersehbaren Spuren im Oderbruch hinterließen.
Jetzt kommen wir endlich zum Schloss. Oder besser gesagt zum Platz, wo das einstige Schloss von Reitwein gestanden hat. Eine bebilderte Tafel informiert den Wanderer über die Geschichte des Schlosses und der früher hier residierenden Herrschaftsfamilien.
Schloss Reitwein, von dessen matten Glanz nur noch ein paar Fotos zeugen, ist buchstäblich „ Spurlos“ von der Erdoberfläche verschwunden. Angeblich im Zweiten Weltkrieg irreparabel beschädigt, anschließend zum Einlagern von Düngemitteln zweckentfremdet, wurde das ehrwürdige Gemäuer Anfang der Sechzigerjahre des 20. Jahrhundert endgültig abgerissen. Dieses Schicksal teilte sich das Reitweiner Schloss mit unzähligen Herrschaftshäusern auf dem Staatsgebiet der DDR. Mit dem Prädikat „ im Krieg schwer beschädigt“, ließ sich allzu leicht Gleichgültigkeit vor der eigenen Geschichte kaschieren.

Etwas aus dem Inventar des Schlosses hat am Ende doch überlebt- ein steinerner Stuhl. Beim genauen Hinschauen erkennt man noch die Jahreszahl 1684. Bei diesem unzweifelhaft besonders haltbaren, allerdings nicht sehr bequemen Möbelstück soll es sich der Überlieferung nach um ein Hochzeitsgeschenk für die Tochter des Herrn von Burgsdorf, seinerzeit Besitzer von Reitwein, handeln. Nicht überliefert ist, ob sich das Fräulein von Burgsdorf über den „ Klopper“ gefreut hat.

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Spekuliert wird, ob die beiden prominentesten Gäste des Schlosses, König Friedrich der Große von Preußen und der Dichter Theodor Fontane, auf dem Stuhl gesessen haben. Über diese Frage dürfte wohl noch bis in alle Ewigkeiten spekuliert werden.
Widmen wir uns zunächst dem erstgenannten Besucher. Reitwein wird, von den Militärhistorikern, nicht selten in einem Atemzug mit der Schlacht um die Seelower Höhen, im April 1945, genannt.

Weniger bekannt ist, dass das Dorf im August 1759, im später so genannten „ Siebenjährigen Krieg“, vor und nach der „ Schlacht bei Kunersdorf“, eine nicht unerhebliche Rolle spielte.
Am 10. August 1759, marschierte der mit seinen Heerscharen im Schlosspark von Wulkow bei Booßen lagernde Preußenkönig, zunächst über Klessin und Wuhden, durch die Berge nach Reitwein. Zur gleichen Zeit bauten Pioniertruppen zwei Kilometer östlich des Dorfes, an der Fährbuhne gegenüber Göritz ( Gorzyca), eine Pontonbrücke über die Oder. Während die Kavallerie, unter dem Kommando des legendären Reitergenerals von Seydlitz, etwas weiter südlich, unter Nutzung einer Furt, den Strom überqueren sollte. Der Preußenkönig beabsichtigte das bei Frankfurt (Oder) stehende, vereinte russische österreichische Heer zu schlagen und aus dem Land zu jagen.

So weit, so gut. Gewöhnlich kümmerte sich die frühere, pseudopatriotisch gefärbte Geschichtsschreibung, „ einen Scheiß“ um den einfachen Soldaten. Dem damaligen Reitweiner Pfarrer Wilhelm Ohrt verdankt die Nachwelt jedoch einige wertvolle, wohltuend sachliche Schilderungen vom Durchmarsch der preußischen Armee durch Reitwein.
Der August 1759 war, den Überlieferungen zufolge, sehr heiß. Bei glühenden Temperaturen schleppten sich, viele tausend, vom Staub verdreckte, halb verdurstete Soldaten am 10. August bis nach Reitwein. Dort stürzten sich die bedauernswerten Männer auf den einzigen Brunnen, den sie innerhalb kürzester Zeit wortwörtlich erschöpften. Das, heutigen hygienischen Standards sicher nicht entsprechende kühle Nass reichte längst nicht für alle Soldaten. Immerhin wurde ihnen gestattet, Teile ihres Gepäcks am Ausgang des Dorfes, unter Bewachung, zurückzulassen. Nach erfolgter Marscherleichterung wankte der endlose aus blau uniformierten Fußsoldaten, Kavallerie, Artillerie und dem Tross zusammengefügte „ Lindwurm“ weiter der Oder zu. Ohne Gesang und Tsching Darassassa. Vorwärts getrieben vom Gebrüll der Offiziere und Unteroffiziere. „ Kerls, bewegt euch! Oder wollt ihr den König den Feind allein schlagen lassen?“

Ob die Männer wohl ahnten, dass der Weg aus Reitwein hinaus für einen Großteil von ihnen geradewegs in den Tod führte? Den sie, gut zwanzig Kilometer südöstlich, vor den Toren von Frankfurt (Oder), keine achtundvierzig Stunden später erleiden sollten. Was sie wohl an diesem Sommerabend gedacht haben mögen? Wo waren ihre Gedanken? Wahrscheinlich Zuhause. Bei ihren Eltern, Bräuten, Freunden. Die daheim, allzu oft vergeblich, für sie beteten und bangten.

Pfarrer Ohrt wurde auch Zeuge, wie der König in Reitwein, unweit des heutigen Pfarrhauses, den Bürgermeister von Göritz zu den Besonderheiten des Geländes zwischen der Oder und Kunersdorf befragte. Zum Leidwesen des Königs erwies sich das Stadtoberhaupt als stammelnder Totalausfall! Der keinen einzigen geraden Satz artikulieren konnte. Ich kann den armen Bürgermeister durchaus verstehen. Als Bürgermeister eines neumärkischen Provinzkaffs steht man schließlich nicht jedem Tag einem leibhaftigen König gegenüber!

König Friedrich gab schließlich resigniert auf. Das Unternehmen schien von Anfang an unter keinem guten Stern zu stehen. Von den einfachen Reitweiner zeigte sich derweilen kaum jemand auf der Straße. Die rührseligen Szenarien, in denen sich der König gegenüber seinen scharenweise herbei geeilten, ebenso devoten wie ängstlichen Untertanen, als eine Art rettender Übervater präsentiert, sind lediglich der Phantasie monarchistisch „ angehauchter“ Maler und Schriftsteller späterer Zeitepochen entsprungen. Mit der Realität des „ Siebenjährigen Krieges“ hatte das nicht viel zu tun.

Wenige Tage vor dem Erscheinen des Königs, war Reitwein von plündernden russischen Kosaken heimgesucht worden. Etliche Bewohner wurden dabei von den Russen schwer misshandelt. Eine ältere Frau so sehr, dass sie bald darauf starb. Kurz darauf zog, als Vorausabteilung Friedrich des Großen, das so genannte „ Freikorps Wunsch“ in Reitwein ein. Aus den Erinnerungen des Pfarrers geht hervor, dass sich diese preußischen Soldaten gegenüber der ohnehin bereits leidgeprüften Dorfbevölkerung nicht viel besser verhielten, als zuvor die eigentlich feindlichen Russen. Frei nach dem Motto: Der Krieg ernährt den Krieg. Solche Dinge passten natürlich nicht in die von Geschichtsschreibern kreierte Scheinwelt. Kein Wunder also, dass die Erinnerungen des Pfarrers bei den Historikern des 19. Jahrhunderts keinen Anklang fanden.

Den Ausgang der Schlacht von Kunersdorf setzte ich als bekannt voraus. Noch am Abend des 12. August flüchteten die Reste der geschlagenen preußischen Armee zurück zur Oder. König Friedrich, der durch eklatante taktische Fehler die Hauptschuld an der Niederlage trug, befand sich ebenfalls auf dem „Rückzug“.
Als gesichert gilt, dass der König spätestens im Verlauf des 13. August 1759 im Schloss Reitwein eintraf und dort mehrere Tage sein Hauptquartier errichtete. Nach und nach sammelten sich die überlebenden preußischen Soldaten zunächst in der Ebene von Ötscher, um darauf ebenfalls zurück nach Reitwein zu ziehen. Dort lagerten sie dann, unterhalb des Ostrandes der Berge, zwischen Reitwein und Wuhden.
König Friedrich, von einer schweren Depression die ihn an Selbstmord denken ließ, befallen, hockte völlig allein in einem Raum des Schlosses. Ob nun auf dem „ Steinernen Stuhl“ oder auf einem anderen Möbelstück, sei mal dahingestellt.

Das Ende der europäischen Großmacht Preußen schien gekommen zu sein. Friedrich fürchtete, aus naheliegenden Gründen, dass die russisch-österreichischen Allianz sofort weiter nach Berlin marschieren würde. Um die Hauptstadt zu erobern. Eilends verfasste er Depeschen, welche die königliche Familie aufforderten, sich sofort auf die Festung Magdeburg zu begeben.

Zumindest einige Zeit erwog der Monarch ernsthaft, aus dem Leben zu scheiden, zuvor aber die königliche Macht in die Hände seines Bruders Heinrich zu legen. Prinz Heinrich galt als gemäßigter Regent. Dem der Krieg ein Graus war. Ein frischgebackener König Heinrich hätte mit hoher Wahrscheinlichkeit sofort die Waffen gestreckt. Brandenburg-Preußen wäre in die relative Bedeutungslosigkeit früherer Jahrhunderte zurückgefallen. Und nicht zuletzt: das sinnlose Sterben auf den Schlachtfeldern hätte ein Ende gehabt!
„ Spinnen“ wir doch mal eine Runde: Wie würde unsere heutige Welt wohl aussehen, wenn Friedrich II. in jenen Augusttagen, im Schloss zu Reitwein, seinem Leben tatsächlich ein Ende gesetzt hätte? Schlesien wäre wieder zu Österreich gekommen, Polen nie zwischen fremden Mächten aufgeteilt worden. Napoleons Eroberungskriege hätten womöglich ebenso wenig stattgefunden wie die beiden Weltkriege des Zwanzigsten Jahrhunderts und die Teilung Deutschlands.

Wirklich? Wurden im August 1759 in diesem kleinen Oderbruchdorf die Weichen für große Weltpolitik späterer Jahrhunderte geschrieben? Eine gewagte These. Ich weiß! Aber eine These über die es sich nachzudenken lohnt.

Bekanntlich sahen sich die Sieger von Kunersdorf jedoch außerstande die Operation fortzusetzen. Eine Schlacht ist nun einmal kein sportlicher Wettkampf. Auch die Gewinner hatten furchtbare Verluste an Menschen und Material erlitten. Kunersdorf erwies sich für die Allianz lediglich als bloßer „ Pyrrhussieg“.
Die deutschen Historiker sprechen noch heute vom „ Mirakel des Hauses Brandenburg“. Quasi eine von Gott gewollte Fügung. Wie dem auch sei-Friedrich II. dankte nicht ab und der Krieg ging in eine vierjährige Verlängerung.

Ein gutes Jahrhundert später kehrte erneut ein „ Promi“ im Schloss zu Reitwein. Kein Regent, dennoch ein König. Theodor Fontane, der ungekrönte märkische Literaturkönig.
Wieder kann die Nachwelt ledig mutmaßen, ob der „ Steinerne Stuhl“ diesmal, oder diesmal wieder, von einem „ berühmten Hintern gedrückt wurde.“

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der mystriöse “ Steinerne Stuhl“

Falls es jemanden interessieren sollte- ich habe schon auf dem ebenso antiken wie harten Möbelstück gesessen. Im Sommer 2010. Zusammen mit meinem treuen Hund Charly.
Ok, ich höre ja schon auf. Also zurück zu Fontanes Besuch in Reitwein, um 1860. Der Aufenthalt des von schöpferischer Unruhe getriebenen „ Wanderers durch die Mark Brandenburg“, steht im engen Zusammenhang mit seinem ein paar Jahre darauf veröffentlichten Romanmehrteilers „ Vor dem Sturm“. Dessen Handlung im Oderbruch, in der Zeit der Befreiungskriege gegen die napoleonische Fremdherrschaft, also zwischen 1813 und 1814, spielt.

Dreh und Angelpunkt der spannenden Handlung ist das fiktive, im südlichen Oderbruch angesiedelte Dorf „ Hohen-Vietz“. Sitz der, ebenfalls fiktiven, patriotisch gesinnten brandenburgischen Adelsfamilie „ von Vitzewitz“. Unter Führung des Familienoberhaupts Berndt von Vitzewitz marschiert am Ende des Romans die „ Lebuser Landwehr“ nach Frankfurt (Oder) in den Kampf gegen die dortige französische Garnison. Der Fight endete im Desaster. Weil die, ausgerechnet bei Kunersdorf lagernden russischen Verbündeten, deren oberster Befehlsherr denselben Nachnamen trug wie der einstige Bezwinger Friedrich des Großen, ihre preußischen Kumpels, allen vorherigen Absprachen zum Trotz, schnöde im Stich ließen. Wer jetzt empört die Wangen aufbläst dem sei gesagt, dass sowohl der Marsch auf Frankfurt (Oder), die „ Kabbelei“ mit den Franzosen und der Verrat der Russen, unter die so genannte „ dichterische Freiheit“ fallen.

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Blick auf die Kirche vom “ Steinernen Stuhl“

In der Realität würde wohl das Oderbruch heute, ohne die damalige Unterstützung Preußens durch die Truppen von „ Väterchen Zar“, zu Frankreich gehören. Geschichtsklitterung gehörte, gerade in der von Deutschtümelei und Pseudopatriotismus geprägten Epoche um die Vereinigung des Deutschen Reiches, 1871, offenbar dazu wie der Ketchup zur Currywurst.

Ungewollt löste „ Vor dem Sturm“ einen bis in die Gegenwart anhaltenden, von Dorfchronisten und anderen Hobbyhistorikern ausgetragenen Streit aus. Gegenstand besagten Streites ist die Frage nach den realen Vorbildern von Hohen-Vietz und der Familie von Vitzewitz. Die einen wollen im literarischen Hohen-Vietz, das zwei Kilometer südöstlich von Seelow gelegene Friedersdorf und die dort bis 1945 und nach 1990 wieder ansässig gewordene Adelsfamilie von der Marwitz wiedererkennen. Und die anderen Reitwein und die Sippe derer von Finckenstein.

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Pfarrhaus und Kirche

Mensch Theo, was hast du da nur angerichtet? Dabei könnte alles so einfach sein. Vorausgesetzt man liest das Buch ohne „ lokale Scheuklappen“. Fontane verfuhr bei dem Handlungsort anscheinend nach demselben Rezept wie bei der Kriminalnovelle „ Unterm Birnbaum“: Ein wenig von hier, ein wenig von da, gemixt mit Fiktion“. Hohen-Vietz setzt sich tatsächlich aus Elementen Friedersdorf, Reitwein, Lebus und Letschin zusammen. Kenner der Geschichte Brandenburgs dürften jedoch keinen Zweifel hegen, an wem Theodor Fontane bei der Erschaffung seines Protagonisten Berndt von Vitzewitz gedacht hatte. Alle Reitweiner müssen jetzt ganz tapfer sein: Das Leben und Wirken des Gutsbesitzers, Generals und bekennenden Patrioten Alexander von der Marwitz diente Fontane als reales Vorbild. Und wo wirkte Alexander von der Marwitz? Genau-in Friedersdorf!

Traurig zu sein braucht in Reitwein deshalb trotzdem niemand. Kehren wir noch einmal zum „ Steinernen Stuhl“ zurück. Von dort aus hat man einen herrlichen Blick auf die Kirche. Nicht nur, aber wohl vor allem bei Sonnenaufgang. Genau diesen Blick auf die Kirche hat Fontane, in dem besagten Roman, ausführlich beschrieben. Da kann Friedersdorf nicht mithalten!

Verlassen wir nun den Stuhl und begeben uns zur Kirche hinauf. Genauer gesagt, zur Ruine der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Kirche. Wenige Jahre vor Fontanes Besuch, war der vom Grafen Finck von Finckenstein in Auftrag gegebene, von dem bekannten preußischen Architekten Stüler geleitete Kirchenneubau nach ungefähr zehnjähriger Bauzeit fertig gestellt worden. Fontane zeigte sich von der hoch auf den Bergen stehenden, bis weit hinein im Oderbruch leuchtenden Gotteshauses regelrecht begeistert. So sehr, dass er eine Zeichnung der Kirche anfertigte. Und ihr später sogar ein literarisches Denkmal setzte.

Folgen wir den ausgeschilderten, direkt zur Kirchenruine führenden Weg. Traurig sieht sie aus, die altehrwürdige Kirche. An deren Fassade unzählige Geschosse deutliche Spuren hinterlassen haben. Zum Zeitpunkt der Wiederöffnung des „ Heiratsmarktes“ sah die Ruine gewiss noch viel trauriger aus. Wenigstens den einst Wanderern als Orientierung dienenden Turm hat die Kirche Ende der Neunziger Jahre zurück erhalten. Den Zugang zum Kirchenschiff versperrt eine gewöhnlich verschlossene Gittertür.

Einige Male im Jahr wird sie jedoch anlässlich hier stattfindender Konzerte geöffnet. Das Gemäuer sorgt sicherlich für eine tolle Akustik. Bislang habe ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, allerdings noch kein einziges der Reitweiner Kirchenkonzerte besucht.
Graf Fink von Finckenstein hatte die Kirche einst dem Andenken seiner früh verstorbenen Frau gewidmet. Das nenne ich Liebe! Bloß gut, dass Herr Graf sein Gotteshaus nicht mehr sehen kann. Er würde wohl im Grab rotieren!

3.Teil – Die Reitweiner Berge

a) Auf der Frankfurter Straße

An der Kirche vorbei gehen wir nun hinunter zu dem sandigen, in die Reitweiner Berge hineinführenden Hohlweg. Hier stoßen wir erneut auf eine Ruine. Diesmal auf die eines Hauses. Unkraut überwuchert den von allerlei Hausmüll verschandelten Hof. Wahrlich kein schöner Anblick!
Über diesen Hohlweg ist am 10. August 1759, Friedrich der Große in Reitwein eingeritten. An der Spitze seiner staubverkrusteten, halb verdursteten Truppen. Fontane hat diesen Weg zu Wanderungen in die Umgebung und als Handlungsort für den Roman „ Vor dem Sturm“ genutzt. Bei allem Gezänk um den echten Ort der Handlung, wird allzu oft übersehen, dass Reitwein dabei mehrfach explizit Erwähnung findet. Nicht etwa verklausuliert, sondern für jedermann verständlich als Reitwein! Hier, über diesen Hohlweg ließ Fontane die von Berndt von Vitzewitz angeführte „ Lebuser Landweg“ marschieren.

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Die so genannte Frankfurter Straße in den Reitweiner Bergen

Kleine Kostprobe gefällig? „ So kamen sie bis Reitwein. Hier war noch überall Licht, viele von den Dörflern, auch hier meistens Frauen, waren bis auf den Fahrweg hinausgetreten, um ihre in der Kolonne befindlichen Angehörigen zu begrüßen, andere blieben in den Türen stehen und wehten und winkten mit weißen Tüchern, was in dem Dunkel das herrschte, einen unheimlichen Eindruck machte.
Hinter dem Dorf teilte sich der Weg. Als die Kolonnenspitze den Gabelpunkt erreicht hatte, schwenkten die Barnimschen Bataillone, ganz wie Seidentopf es vermutet hatte, nach links in die Niederung ab, während die andere Hälfte des Zuges auf dem Plateau weitermarschierte.“

Lasst uns der Landwehr folgen. Natürlich nur im Geiste. Aber auf demselben, so schön beschriebenen, auf dem Plateau durch die Reitweiner Berge verlaufenden Weg. Der Teil einer mittelalterlichen, von der Ostsee via Frankfurt (Oder) bis nach Leipzig führenden Handelsstraße ist. Frankfurter Straße wird dieser Teilabschnitt offiziell genannt.

Wow! Ich höre förmlich die Geräusche der vollbeladenen, vor Jahrhunderten hier entlang ratternden Pferdegespanne. Wäre ich ein Räuber, die Betonung liegt wohlgemerkt auf wäre, hätte ich mich oben auf den Bergen auf die Lauer gelegt und seelenruhig auf Beute gewartet. Einige haben das bestimmt auch getan. Nach Süden hin, am Abzweig nach Podelzig, soll einst ein jüdischer Kaufmann ausgeraubt und erschlagen worden sein. Zur Erinnerung an die Bluttat wird der sich unmittelbar am Tatort befindliche Berg noch heute Judenberg genannt. Schauerlich!

Beim Weitergehen kommen mir wieder die preußischen Soldaten in den Sinn, die in den heißen Augusttagen Anno 1759 hier entlang, mit müden Gesichtern, die Zungen vor lauter am Gaumen festklebend, in den Tod gezogen sind. Angesichts der geringen Breite des Weges, muss der Zug der Preußen wohl mehrere Kilometer lang gewesen sein. Begleitet vom Wiehern der Pferde, rumpelnden Kanonen, gelegentlichen Kommandos und dem rhythmischen Geklapper der Musketen.

Ein Berg auf der linken Seite trägt den klangvollen Namen „ Kaiserberg“. Warum der Berg so heißt, weiß allerdings niemand so genau. Favorisiert, jedoch keinesfalls durch seriöse Quellen belegt, ist die These das dort oben, im frühen Mittelalter, ein sich auf dem Weg zur Krönung befindlicher, späterer deutscher Kaiser, eine Rast eingelegt und eine Mahlzeit eingenommen haben soll. Speisende Regenten gehören offenbar zu den beliebtesten Motiven der Brandenburger Heimatgeschichte. Kaum ein Ort, wo sich nicht irgendwann, irgendwo ein gekröntes Haupt den Bauch vollgeschlagen hat. Man denke nur an die vielen Napoleon-Eichen im Land.

b) Auf der “ Schönen Aussicht“

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Nach einem Kilometer Fußmarsch möchte uns ein Schild zur „ Schönen Aussicht“ lotsen. Warum nicht? Folgen wir den ausgetretenen, direkt zu einer Art natürlicher Aussichtsplattform führenden Trampelpfad.

Schöne Aussicht, treffender kann ein Name wohl nicht sein. Unendlich weit scheint sich das Land unterhalb der Reitweiner Berge auszubreiten. Im Osten schimmert, zwischen Bäumen teilweise verborgen, der Oderstrom. Dahinter das polnische Nachbarland mit seinen grünen Hügeln. Altehrwürdige Dorfkirchen heben sich Scherenschnittartig vom Horizont ab. Frankfurt erscheint fast zum Greifen nah. Die Türme von Marien und Nikolaikirche überragen in der Ferne noch immer die meisten Häuserdächer der Oderstadt. Fontane lässt grüßen.

Während der DDR-Zeit galt die „ Schöne Aussicht“ bei einigen, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus der ehemaligen Neumark vertriebenen, als Geheimtipp. Wegen des einzigartigen, im Wortsinn, grenzenlosen Blicks in die verlorene Heimat.
Später, in den Neunzigerjahren, hielten an dieser Stelle Bundesgrenzschützer und Zöllner Ausschau nach illegalen Einwanderern und Zigarettenschmugglern. Grenzerromantik in Mitten herrlicher Natur. Genau der Stoff aus dem anderswo Heimatfilme „gewebt“ werden.

Noch einmal lassen wir den Blick in die Ferne schweifen, dann geht’s wieder zurück zur „ Frankfurter Straße“. Nach einigen Schritten in südliche Richtung kommen wir an einer dicken Eiche vorbei. Deren mächtiger Stamm mittlerweile seit Jahrhunderten Stürmen und anderem Ungemach, scheinbar mühelos, trotzt. Was allgemein von deutschen Eichen auch erwartet wird.
Schade nur, dass der Baum nicht reden kann. Friedrich der Große, Theodor Fontane, die sowjetische Militärikone Georgi Shukow, er hat sie alle „ gesehen“. Da könnte man fast ein wenig neidisch werden, auf die stumme deutsche Eiche.

c) Der slawische Burgwall

Auf dem Burgwall Vorburg
Blick auf die äußere Umwallung

 

 

Ein paar Schritte weiter zweigt der Weg abermals nach links ab. Zum so genannten „ Slawischen Burgwall“.

Gedanklich begeben wir uns nun eintausend Jahre zurück in die Vergangenheit des Oderbruchs. Sozusagen in die Ära des Großvaters der oben erwähnten Eiche. Als unsere Heimat noch von den Ureinwohnern der Region bewohnt wurde.
Bei dem Wort „ Ureinwohner“ denken die meisten zunächst an exotische Länder. Und an von der sich dort beständig ausbreitenden Zivilisation bedrohte Naturvölker. Aber ganz bestimmt nicht an die einst auch im Oderland lebenden, aus der dortigen Wahrnehmung jedoch vollständig verschwundenen Slawen.

Ureinwohner des Oderbruchs? Ok, vielleicht sollte man diesen Begriff nicht allzu eng sein. Lebten doch vor den im sechsten / siebten Jahrhundert von Osten her eingewanderten slawischen Stämmen, verschiedene germanische Völkerschaften im Land an der Oder. Die fälschlicherweise immer wieder, 1:1 mit den heutigen Deutschen gleichgesetzt werden.
Stimmt aber nicht! Vielmehr setzten sich die Deutschen schon immer aus den „ Zutaten“ unterschiedlicher Völkerschaften zusammen. Romanen, Slawen, Germanen. Von allem etwas. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Blonde blauäugige, reinrassige „ Ariertypen“ gab es lediglich in kranken Nazihirnen!

Burg Innenhof Blick nach Westen
Innenhof der Slawenburg

Bereits wenige Meter hinter dem Schild haben wir den ehemaligen, noch deutlich erkennbaren Eingang der Burg erreicht. Ein hoher, mit Bäumen bewachsener Erdwall umgibt das gesamte Areal. Man kann einfach nur den Hut ziehen vor der pioniertechnischen Leistung der Leubuzzi ziehen. Immerhin mussten hier enorme Erdmassen, ohne heute übliche Hilfsmittel, bewegt werden. Möglicherweise verfügten die Slawen aber auch nur über ausreichend Manpower. Egal-ihr Werk hat bereits ein komplettes Jahrtausend überstanden. Welcher moderne Bau wird das je von sich behaupten können?

Dem Eingangsbereich schließt sich eine große, grasbewachsene Freifläche an. Stille liegt über dem Areal. Lediglich unterbrochen von den Rufen eines im Tiefflug kreisenden Habichts und dem Knarren der sich im Wind wiegenden Bäume.

So still und menschenleer war es hier nicht immer. Schließen wir die Augen und „ reisen“ gedanklich zurück ins Jahr 970. Vor unserem geistigen Auge entstehen schilfbedeckte, das Gelände ausfüllende, schilfgedeckte hölzerne Hütten. Zwischen den Hütten laufen in einfache Leinen gekleidete Frauen und Männer umher. Einige tragen Pelzkappen auf den Köpfen. Pferde wiehern in einem hölzernen Pferch. Irgendwo grunzen Schweine. Vier von der Jagd heimkehrende Bewohner schleppen einen kurz zuvor erlegten, an Hölzern befestigten Bären. Andere gehen einem Handwerk nach. Töpfer, Schuhmacher, Sattler und Gerber verrichten ihr Tagwerk.
Wir öffnen die Augen wieder, um uns auf Spurensuche zu begeben. Dazu benötigt man allerdings ein wenig Ausdauer. Oder einfach nur die richtige Frau an der Seite, wie das folgende Beispiel zeigen soll:

Der Burgwall faszinierte mich bereits seit Jahren. Immer wieder bin ich das Gelände auf und ab gelaufen, ohne auch nur auf die kleinste Hinterlassenschaft der Leubuzzi zu stoßen. Das sollte sich erst nach der Scheidung von meiner Ehefrau ändern. Was hat eine Scheidung mit dem verschwundenen Slawenvolk zu tun? Abwarten!

Anfang 2009 streifte ich, diesmal an der Seite einer anderen Vertreterin der holden Weiblichkeit durch die Reitweiner Berge. Die Dame stammte nicht aus der Gegend, zeigte sich aber äußerst interessiert an allem was nur im Entferntesten mit dem Oderbruch im Zusammenhang stand. Selbstverständlich durfte ein Besuch der ehemaligen Slawenburg nicht fehlen! Angeregt plaudernd, liefen wir alsbald oben auf dem Wall. Dabei erzählte ich meiner Begleitung von den angeblich hier immer wieder ans Tageslicht kommenden Scherben und Töpfen aus der Slawenzeit. „ Ich habe aber in all den Jahren noch nie etwas gefunden“, seufzte ich schweren Herzens.

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Fundstücke aus dem Reitweiner Burgwall. Diese befinden sich jetzt im Besitz des Bodendenkmalsamtes!!

Kaum das ich den Seufzer ausgestoßen hatte, rutschte meine angehende Lebenspartnerin auf dem lehmig-feuchten Boden aus und sauste auf dem Hintern den Wall hinab. Mir fuhr der Schreck in die Knochen. Unten angekommen, griff sie unter sich, schwenkte einen Gegenstand und rief triumphierend: „ Suchst du etwa das hier?“
Der Gegenstand entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ein fast vollständig erhaltenes Tongefäß. Unmittelbar an der Fundstelle lagen noch weitere Scherben verstreut. Etliche von ihnen wiesen ein eingeritztes Wellenmuster auf. Typisch für die Westslawen des frühen Mittelalters.

Angeregt von so viel unerwartetes Entdeckerglück, nahmen wir daraufhin das gesamte Areal in Augenschein. Das Glück blieb uns weiter hold. Kurz zuvor hatten ganze Regimenter von Wildschweinen das Grasland mehrere Zentimeter tief umgepflügt und dabei jede Menge Tonscherben und alte Knochen, darunter den noch immer Rasiermesserscharfen Hauer eines Keilers, zum Vorschein gebracht.

Schwein gehabt! Und das im wahrsten Sinn des Wortes. Es versteht sich natürlich von selbst, dass wir umgehend das „ Landesdenkmalsamt“ über den Fund in Kenntnis setzten und die Gegenstände nicht etwa in unsere eigenen Taschen steckten! Wochen später durften wir dann einem etwas korpulenten, kurzatmigen Mitarbeiter besagter Behörde stolz die Fundstellen zeigen.
„ Tonscherben gibt es hier wie Sand an der Ostsee“, sagte er zu unserer Enttäuschung. „Aber trotzdem Danke“. Seitdem verfüge ich immerhin über eine Akte beim Landesdenkmalsamt. Wer kann das schon von sich behaupten?

Haben uns die Slawen nichts als Scherben hinterlassen? Nein.
Um jedoch an die wirklich interessanten Hinterlassenschaften zu kommen, muss man tief graben. Was wiederum normalerweise den Archäologen vorbehalten und in dem als Bodendenkmal deklarierten Burgwall von Reitwein selbst diesen untersagt ist. Wie mir der Bodendenkmalpfleger zum Abschied bedauernd anvertraute. Der Reitweiner Burgwall wird wohl seine Geheimnisse noch einige Jahrzehnte bewahren.

Die Heimatforscher vergangener Epochen konnten sich offenbar keinen rechten Reim auf die Herkunft der Erdumwallungen machen. So findet sich beispielsweise in der Geschichtsschreibung des 18.Jahrhunderts für die Wallberge die Bezeichnung „ Schwedenschanzen“. Vermutlich sah man in den Wällen die angeblichen Reste eines befestigten schwedischen Feldlagers aus der Zeit des „ Dreißigjährigen Krieges“.
Obwohl die Gegend in jener Zeit tatsächlich des Öfteren von schwedischen Landsknechten heimgesucht wurde, keine besonders logisch klingende Erklärung. Zumal die Wallberge bekanntlich lange vor dem Dreißigjährigen Krieg angelegt wurden. Scheinbar nahm man es in Reitwein in punkto Heimatforschung und Dokumentation vor dem 18. Jahrhundert nicht allzu genau.

Der ebenfalls, jedoch erst Ende des 19. / Anfang des 20. Jahrhunderts als Pfarrer, Heimatforscher und darüber hinaus als Autor in Reitwein wirkende Paul Schröder, vermutete gar das die Wälle vom germanischen Volksstamm der Sueben, also weit vor der slawischen Besiedlungsphase, angelegt wurden. Die Bezeichnung „ Schwedenschanze“ wäre in Wahrheit eine Verballhornung des Wortes „ Suebenschanze“, mutmaßte Paul Schröder.

Interessanterweise fand der Burgwall auch Einzug in die Sagenwelt des Oderbruchs. Einem Schäfer begegnete an dieser Stelle eine verzauberte Prinzessin. Und ein im Schatten der Bäume rastender Schuster aus Frankfurt (Oder) wurde von einem Diener in ein geheimnisvolles Schloss geleitet. Um anschließend, als das Trugbild verschwunden war, mit der gewiss nicht angenehmen Erkenntnis „ einhundert Jahre verschlafen zu haben“, weiterleben zu müssen. War also in der Mytologie, im Laufe der Jahrhunderte, aus der Wehranlage ein romantisches Schloss geworden? Das zu passt auch der in alten Quellen zu findende, nicht näher erläuterte Hinweis auf die hier gefundenen Trümmer eines früheren Schlosses. Angeblich fanden die besagten Trümmer Verwendung beim Aufbau des Reitweiner Herrenhauses.
Wie dem auch sei, Licht ins Dunkle der Geschichte um den Reitweiner Burgwall vermochten weder die Sagen, noch der Verweis auf die vor Jahrhunderten aufgefundene Reste eines vorgeblichen Schlosses zu bringen.

Seriöse Forschungen hat es in der Vergangenheit jedoch ebenfalls mehrfach gegeben. Nicht jeder wollte sich mit einfachen Erklärungen zufrieden geben.
Pfarrer Wilhelm Ohrt dokumentiere bereits im 18.Jahrhundert den Fund mehrerer, zumeist von heftigen Regen freigespülter Urnentöpfe. Die er, richtigerweise der slawischen Besiedlungsepoche zuordnete. Ohne den Burgwall selbst mit den Slawen in Verbindung zu bringen.

Der historisch überaus interessierten Grafen Fink von Finckenstein, stieß um 1870 bei Pflanzarbeiten unweit der Wallberge, immer wieder auf dunkle Tonscherben. Angeregt von den Funden, ließ er, mit Unterstützung seines Schwagers, einem General Namens von Röder, das Areal systematisch von mehreren Kompanien Soldaten absuchen.

Von einer Vielzahl weiterer Scherben einmal abgesehen, brachte die ohnehin aus archäologischer Sicht reichlich fragwürdige Hauruck-Aktion, keine grundlegend neuen Erkenntnisse.
Diese blieben dem modernen 20. Jahrhundert vorbehalten:
Anfang der Dreißigerjahre führte hier der bekannte deutsche Archäologe Wilhelm Unverzagt, der sich bereits bei der Erforschung der Burganlage Zantoch (Santok) einen Namen gemacht hatte, umfangreiche Grabungen im Burgwall durch. An Hand zahlreicher Funde gelang ihm der Nachweis einer e der größten Slawenburgen der Oderregion. Neben Waffen und Gegenständen des täglichen Gebrauchs, fanden die Archäologen auch einen offenbar sauber vom Rumpf getrennten menschlichen Schädel. Für Experten ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die Leubuzzi hier einst ihren Göttern Menschen opferten. Schon beim bloßen Gedanken laufen mir wohlige Schauer den Rücken herunter. Zumal ein im Gebüsch gegenüber des Eingangs zum Innenhof verborgener, halb in der Erde befindlicher großer Stein, dem Anschein nach tatsächlich solchen Zweck gedient haben könnte.

Es grenzt schon ein wenig an Ironie, das den slawischen Baumeistern ausgerechnet während der Regierungszeit Adolf Hitlers, die lange vorenthaltene Gerechtigkeit wiederfuhr. Wilhelm Unverzagt ließ sich als Archäologe ohnehin nicht vor den Karren der Nazis spannen. Für ihn stand einzig und allein die historische Wahrheit im Vordergrund. Alles andere als ein leichtes Unterfangen in einer Zeit, in welcher der Rassenwahn und die kruden Phantasien einiger Naziführer selbst vor der Wissenschaft nicht Halt machten.

Beim Abschreiten des Geländes in östliche Richtung stößt man nach etwa zweihundert Metern auf eine weitere, scheinbar natürliche Pforte zwischen den Wällen. Wir sind nun im ehemaligen Innenhof der Burg angelangt. Hier lebten die „ Großkopfeten“ des Stammes. Adlige, Häuptlinge, wie auch immer. Beim genauen Hinsehen fällt auf, dass das Areal zur Mitte hin ansteigt. Befand sich dort eine oder mehrere Götterfiguren? Ein finster drein blickender Swarog, Radegast, Triglaw oder Tschernobog? Denen hin und wieder Tiere und Menschen geopfert wurden.

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Blick in den Innenhof des Burgwalls

Eines gilt jedoch seit den Grabungen des Professor Unverzagt als gesichert: Die Slawenburg von Reitwein fiel einem großen Feuer zum Opfer. Höchstwahrscheinlich auch dem Schwert. Zeitlich fällt der Untergang mit der Westexpansion des noch jungen polnischen Staates, Ende des 10. Jahrhunderts zusammen. Gleichzeitig erhoben die von jenseits der Elbe in den „ Wilden Osten“ eindringenden Deutschen zunehmend Ansprüche auf das Land an der Oder. Die kleinen Slawenstämme gerieten dabei zwischen die Fronten der streitenden Parteien.

Zunächst jedoch gelang es den ebenfalls zu den slawischen Völkern zählenden Polen, sich an der Oder zu etablieren. Das wenige Kilometer südlich gelegene Städtchen Lebus entwickelte sich im Verlauf der kommenden Jahre sogar zu einem der bedeutendsten Orte an der polnischen Westgrenze. Während möglicherweise im Reitweiner Burgwall bereits Anfang des 10. Jahrhunderts „Totenstille“ herrschte.
Was aber war zuvor mit dieser strategisch günstig gelegenen, nur äußerst schwer einnehmbaren Wehranlage und nicht zuletzt mit deren zahlreichen Bewohnern, geschehen?

Vom äußersten östlichen Rand des Burgwalls bietet sich dem Auge des Betrachters ein ähnlich herrlicher Blick wie zuvor von der „ Schönen Aussicht“. Gegenüber, zwei oder drei Kilometer Luftlinie von unserem Standort entfernt, auf einem der weithin leuchtenden grünen Hügel von Ötscher ( Owczary), befand sich eine weitere, jedoch bedeutend kleinere slawische Wohn & Verteidigungsanlage.

Durchaus denkbar, dass die Wachposten beider Anlagen per Lichtzeichen, oder anderweitig, miteinander kommunizierten. Zum Beispiel um sich vor heranrückenden Feinden oder anderen Gefahren zu warnen. Ein über lange Zeit erfolgreich ausgeführtes System. Das offensichtlich beim Herannahen der Heerscharen des polnischen Königs Mieszko I. fatalerweise kläglich versagte. Oder spielten, wie so oft in der Geschichte, gedungene Verräter das vielbeschworene „ Zünglein an der Waage“ bei der Unterwerfung der Leubuzzi?

Wieder einmal geht die Phantasie mit mir durch. Ich sehe die Krieger der Leubuzzi, mit wallender, von Stirnbändern gehaltener Haarpracht, verzweifelt gegen von metallenen Harnischen geschützten Polen kämpfen. Pfeile schwirren singend durch die Lüfte. Reiter, auf federgeschmückten Pferden, den weißen polnischen Adler deutlich sichtbar auf der Brust tragend, treiben schwertschwingend angstvoll schreiende Frauen und Kinder vor sich her. Flammen schlagen aus den Dächern der brennenden Hütten. Umgerissen und zerstört werden auch die Abbilder der slawischen Götter auf dem Platz im Innenhof. Ihre Zeiten sind nun unwiderruflich vorbei. Der Christengott wird ab jetzt ihre Rolle im religiösen Leben einnehmen.

Wer nicht den Schwertern und Pfeilen der Polen zum Opfer fiel, trat bald darauf den schweren Gang in die Sklaverei an. Die Ära der Leubuzzi endete in einem Meer von Blut und Tränen. Ihre Reste gingen später in den nachrückenden polnischen und deutschen Siedlern völlig auf. Geschichte kann manchmal verdammt grausam sein.

d) Marschall Shukows Befehlsstand

Shukow Befehlsstand

Verlassen wir nun das physisch längst verschwundene, aber doch auf eine seltsame Art und Weise noch immer an dieser Stelle präsente Volk der Leubuzzi. Zurück an der Frankfurter Straße, wenden wir uns zunächst wieder der „ Dicken Eiche“ zu, folgen dann jedoch dem Verlauf des am Baum vorbei nach Westen führenden Pfades. Spätestens jetzt ist es an der Zeit näher auf die Ereignisse des Zweiten Weltkriegs einzugehen, die sich von Februar bis April 1945 rund um Reitwein abgespielt hatten.

Nichts hat in den letzten tausend Jahren derart viele, noch nach über siebzig Jahren deutlich sichtbare Spuren in den Reitweiner Bergen hinterlassen, wie der mörderische Kampf an der Oder. Beinahe überall kann man den Verlauf von Schützengräben und Stellungen erkennen. Manche wirken, an besonders abgelegenen Stellen in der Natur, noch regelrecht intakt. So als ob die Soldaten jeden Moment zurückkehren könnten.
Unmittelbar nach der Wiedervereinigung fielen ganze Heerscharen von gewissenlosen „ Schatzsuchern“ über das Oderbruch, vorwiegend jedoch über die Seelower Höhen und damit auch über die Berge zwischen Podelzig und Reitwein her.

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Kriegsschrott aus der Umgebung von Reitwein

Mit Hilfe von Metallsonden suchten sie den Boden nach den Waffen, Orden und Ehrenzeichen der hier gefallenen, zum Teil noch immer in den Höhen ruhenden deutschen und sowjetischen Soldaten ab. Die bei der Suche, quasi nebenbei gefundenen sterblichen Überreste der zumeist jungen Soldaten wurden, anstatt die Fundstelle den Behörden zu melden, zumeist achtlos in der Gegend verteilt.

Selbst Erkennungsmarken, die einzige Möglichkeit die Identität der Toten noch nach Jahrzehnten aufzuklären und manchem noch lebenden Angehörigen endlich Gewissheit oder einem Ort zum Trauern zu geben, verschwanden in den Taschen der „ Sammler“.
Derartige Souvenirs standen und stehen bei den Militaria- Freaks in ganz Europa hoch im Kurs.

Es grenzt fast an ein Wunder, dass damals keiner dieser makabren „ Hobbyarchäologen“ auf die hier ebenfalls noch tonnenweise im Erdboden liegende, hochexplosive Fundmunition gestoßen und anschließend in die Luft geflogen ist.
Sechshundert Meter trennen die „ Dicke Eiche“ von der wohl berühmtesten Sehenswürdigkeit der Reitweiner Berge, dem am Gipfel einer am Tränkegrund gelegenen Anhöhe befindlichen ehemaligen Befehlsstand des sowjetischen Marschalls Georgi Schukow.

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nachgebauter Unterstand in den Reitweiner Bergen

In gewohnter Weise sorgen die vor wenigen Jahren von der „ Arbeitsinitiative Letschin“ angebrachten Schilder für die Orientierung im Gelände. Eine ebenfalls von ABM-Kräften erbaute Treppe führt direkt zum Standort der einstigen Kommandozentrale. Von der aus der „ Held der Sowjetunion“, Marschall Schukow, am 16. und 17. April 1945, die legendäre „Schlacht bei den Seelower Höhen“ lenkte und leitete. Ohne zu übertreiben kann man wohl sagen, dass wir uns an einem Schauplatz der Weltgeschichte befinden!

Der Aufstieg kostet ein wenig Kraft. Wir gehen die Treppe mit der Gewissheit hinauf, dass Marschall Schukow mit seinem Stab, am frühen Morgen jenes schicksalsschweren 16. April 1945, ebenfalls hier entlang gegangen ist. Allerdings nicht über die Holztreppe. Die gibt es bekanntlich erst seit wenigen Jahren. Wohl aber über den unter der Treppe liegenden Weg. Schautafeln informieren die Besucher mittels Fotos, Texten und Landkarten über den Verlauf einer der letzten und blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs.

Georgi Schukow galt in der DDR als unfehlbarer Held und die unter seiner Verantwortung geführte Schlacht bei den Seelower Höhen, insbesondere die Idee das im Dunkeln liegende Schlachtfeld mit dem Licht tausender Flak-Scheinwerfer zu illuminieren, als militärischer Geniestreich schlechthin. Wie eben über die gesamte „ Rote Armee“ der Nimbus unfehlbarer Edelmenschen gestülpt wurde. Ihre Gegner, die deutschen Soldaten, galten dagegen pauschal als Faschisten. Nicht etwa nur bei sowjetischen Militärhistorikern. Auch die sich paradoxerweise zu den „Siegern“ zählende DDR, gefiel sich in dieser Wortwahl.
Damit nicht genug-während die gefallenen Sowjetsoldaten auf eigens angelegten „ Heldenfriedhöfen“, wie in Reitwein, ihre letzte Ruhe fanden, verblieben die toten deutschen Soldaten oftmals anonym in der märkischen Erde. Ein ebenso untauglicher wie unrühmlicher Versuch die eigene Vergangenheit zu verdrängen.

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diesen Weg beschritt Georgi Schukow mit seinem Stab am frühen Morgen des 16. April 1945

Oben angelangt, erwartet uns erstmal eine kleine Enttäuschung. Den versprochenen Bunker gibt es nicht mehr. Dieser wurde bereits, aus Sicherheitsgründen, im Jahre 1983 von NVA-Pionieren aus Storkow, zugeschüttet. Lediglich ein paar Laufgräben sind noch erhalten geblieben. Was die historische Bedeutung der Örtlichkeit keineswegs mindert.
Immer wieder werden in diversen Dokumentationen Originalaufnahmen gezeigt, in denen Georgi Schukow an der Seite weiterer namhafter Heerführer in der Reitweiner Kommandozentrale zu sehen ist.

Nach und nach legten Historiker Fakten auf den Tisch, welche die „ Geniestreiche“ des Marschalls während der schweren Kämpfe um das letzte Hindernis vor Berlin, die Seelower Höhen, in einem weniger glanzvollen Licht erscheinen lassen. So erwies sich die Ausleuchtung des Schlachtfeldes mittels unzähliger Flak-Schweinwerfer als fataler Fehler. Den vor allem die massenhaft angreifenden Infanteristen mit ihrem Leben bezahlen mussten. Weil die von dem gewaltigen sowjetischen Artilleriebeschuss aufgewirbelten Staubmassen das Licht reflektierten und somit die Konturen der Soldaten deutlich hervortreten ließen.

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Originaler Laufgraben im Bereich des ehemaligen Befehlsbunkers

Gleichfalls unerwähnt blieb in der DDR der von Stalin initiierte „ Wettlauf nach Berlin“, zwischen den sich persönlich nicht besonders gewogenen Marschällen Schukow und Rokossowski. Jeder von ihnen wollte zuerst in Berlin einmarschieren. Koste es was es wolle!

Schukows Plan sah vor, die Höhen in nur einem Tag, aus der Bewegung heraus, zu nehmen. Am Abend des 16. April 1945 sah er sich gezwungen, „ Väterchen Stalin“ kleinlaut telefonisch das vorläufige Scheitern einzugestehen.

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Irgendwo hier hat das ungewöhnliche Telefonat zweier Kriegsherren stattgefunden. Ich stelle mir Schukow vor, wie er mit eisiger Mine dem unberechenbaren, alles andere als zimperlichen Despoten am anderen Ende der Leitung zu erklären versuchte, warum in aller Welt sich die verdammte Hügelkette noch immer in der Hand des Feindes befindet.
Gewohnt listig, erwähnt „ der Stählerne“, dass Rokossowski auf seinem Marsch nach Berlin gegenwärtig mehr Erfolg beschieden ist. Dieser einzige Hinweis fachte Schukows Ehrgeiz erneut an. Wieder unterliefen ihm dabei schwere taktische Fehler, die das Leben unzähliger, seinem Kommando unterstellter Soldaten kostete. Bis endlich, am Abend des zweiten Tages des Blutbads, das letzte relevante n Hindernis auf dem Weg in die deutsche Hauptstadt fiel.

Von Reitwein zur Oder

a) Die frühere Göritzer Straße

Die letzte Etappe unseres Reitwein-Trips führt zur Oder. Am Kriegerdenkmal geht es nach rechts und dann immer stur geradeaus. Der Zweite Weltkrieg ist nicht nur in der Natur rund um Reitwein, sondern selbst noch an den Fassaden einiger Häuser optisch überaus präsent. Die Spanne reicht vom Einschussloch bis zu einer, in russischer Sprache aufgebrachten Losung. „ Wer zu lange zögert“, den Rest des Satzes verdeckt eine Laube. Was wohl der Verfasser, ein unbekannter Sowjetsoldat, seinen Kameraden damit sagen wollte?
Hinter dem Ortsausgang befindet sich eine leerstehende Kaserne. Anderen Ortes hätte sich hier wohl längst eine Firma angesiedelt. Bietet doch das weitläufige Gelände vieles, was ein Unternehmerherz normalerweise höher schlagen lässt. Geräumige Fahrzeughallen, ein großer Hof und nicht zuletzt ein ansprechendes, ausbaufähiges, mit ausreichend Büroräumen ausgestattetes Verwaltungsgebäude. Bekanntlich ticken die Uhren in dieser Hinsicht im Oderbruch ein wenig anders. Welche Firma möchte im Jahr 2016 hier noch seine Zelte aufschlagen? Darum wird die Kaserne wohl eines Tages abgerissen werden, oder einfach von selbst zusammenfallen. Entsprechende Beispiele gibt es bekanntlich mittlerweile genug im Oderland.

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die ehemalige NVA-Kaserne im Januar 2013

Bis zum Ende der DDR nutzte die „ Nationale Volksarmee“ die Kaserne als Depot für Nachrichtentechnik. Funkgeräte, Telefone, Fernschreiber. Inklusive vieler, normalerweise früher schwer erhältlicher, bei Bastlern begehrten elektronischen Bauteile. Anfang der Achtziger Jahre begannen ein paar pfiffige Berufssoldaten einen schwunghaften, alles andere als legalen Handel mit eben diesen Bauteilen aufzuziehen. Der dabei erzielte Gewinn dürfte beträchtlich gewesen sein. Aber der Krug geht nun einmal zum Brunnen bis er bricht. Der Coup flog auf und der Militärstaatsanwalt hatte das Wort. Wie mir ein ehemaliger, seinerzeit im Wehrkreiskommando Seelow tätiger Oberstleutnant erzählte, endete die Geschichte mit einem „ Bauernopfer“. Ein im Nachrichtenlager tätiger Fähnrich. Die ebenfalls involvierten Offiziere, bis hin zu einem Major, kamen mehr oder weniger „ungeschoren“ davon. Während der „ Unehrenhaft“ entlassene Fähnrich, als einziger, für einige Jahre ins Gefängnis wanderte.

Den gewiss nicht Unschuldigen, nichts destotrotz bedauernswerten Mann hatte ich noch 1989 persönlich kennengelernt. Er wohnte mit seiner Familie einige Zeit im selben Mehrfamilienhaus in Manschnow wie ich. Früh gealtert, zu oft Trost im Alkohol suchend, innerlich gebrochen und verbittert, gelang es ihm auch nach der „ Wende, bis zu seinem Tod, nicht mehr richtig Fuß zu fassen. Selbst schuld, könnte man hier wohl sagen. Aber auch-Die Kleinen hängt man und die Großen lässt man laufen.

Was soll’s? Heute ist dieses „ Musterbeispiel sozialistischer Rechtspflege“ ohnehin längst vergessen. Wer interessiert sich schon für das Schicksal eines kriminell gewordenen Ex-NVA-Fähnrichs?

Weiter geht es. Die vom Ortsausgang von Reitwein direkt zum Damm führende Straße trug bis 1945 den Namen der benachbarten, auf dem gegenüberliegenden Ufer der Oder befindlichen Stadt Göritz. Nachdem nach 1945 aus dem vormals deutschen Göritz das nun polnische Gorzyca geworden war, durfte die Straße ihre alte Bezeichnung fortan nicht mehr tragen. Straßen und Plätze nach „ verlorenen“ Städten zu benennen, beziehungsweise deren Namen weiter beizubehalten, galt in der DDR als „Revisionistisch“.

Als ob man sieben Jahrhunderte Geschichte einfach „ per Federstrich“ aus dem kollektiven Gedächtnis löschen könnte? Dann hätte man wohl auch Theodor Fontanes „ Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, in der das besondere Verhältnis zwischen Reitwein und Göritz, an Hand zweier, sich über die Oder hinweg „ grüßender Kirchtürme“ beschrieben wurde, verbieten müssen. Aber an einen Theodor Fontane trauten sich selbst SED-Hardliner nicht heran.
Die Straße führt nach ein paar hundert Metern über eine Brücke. Das darunter, träge und trüb langsam vorbei strömende Gewässer gehört zu den kläglichen Überbleibseln der im 18. Jahrhundert weitgehend verschwundenen ursprünglichen Wasserwelt des Oderbruchs. Weidenbäume hängen ihr Geäst dicht übers Wasser. Dichte Schilfgürtel bieten Vögeln und anderen Getier Unterschlupf. Ich freue mich über jedes natürliche Refugium. So klein es auch sein mag.

Beiderseits der Straße breitet sich, in nördlicher und südlicher Richtung, schier ungehindert die sattsam bekannte, weite Oderbruchlandschaft aus. Die im Westen an den Reitweiner Bergen und im Osten am Deich der Oder ihr jähes Ende zu finden scheint. Doch der Schein trügt. Zumindest nach Westen hin.

b) an der Fährbuhne

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Straße an der Fährbuhne

Die Straße führt über den Damm hinweg bis unmittelbar zum Ufer der Oder. Wir sollten den Rest des Weges dennoch besser zu Fuß zurücklegen. Der besseren Übersicht wegen.
Von Schauplätzen der Weltgeschichte haben wir im Verlauf unserer virtuellen Reitwein-Reise bereits einiges gehört. Zum Abschluss lernen wir noch einen weiteren Schauplatz diverser bedeutender geschichtlicher Ereignisse kennen- die so genannte Fährbuhne an der Oder bei Reitwein.

Wie der Name unschwer erahnen lässt, herrschte zwischen Reitwein und dem benachbarten Göritz einst mehr oder weniger intensiver Fährbetrieb. Die Stelle erscheint, auf Grund der hier bestehenden, relativ geringen Breite der Oder, für eine Fähre geradezu prädestiniert zu sein.
Bevor es hinunter an den Strom geht, verharren wir noch einmal auf dem Damm und lassen den Blick in die vor uns liegende Landschaft schweifen. Westlich des Deiches schimmern, am Rand weiter Felder, bläulich die Reitweiner Berge. Wie ein Wachturm ragt der Turm der Stüler-Kirche in die Höhe. Drüben, auf dem anderen Ufer der Oder, versteckt hinter Bäumen, erkennt man bei genauem Hinschauen die altehrwürdige Bischofskirche von Göritz. Beinahe wie zu Theodor Fontanes Zeiten.

Zumindest auf dem ersten Blick. Seit den Zeiten des „ Wanderers durch die Mark Brandenburg“ hat sich hier sehr viel verändert. Wovon nicht allein die schwarz-rot-goldenen Grenzpfähle auf dem Oderdamm zeugen.

Unter Begleitung eines vielstimmigen Froschkonzertes gehen wir nun weiter in Richtung Oder. Im Mittelalter galt das gegenüberliegende Göritz in ganz Europa als Wallfahrtsort. Eines in der Bischofskirche hängenden, angeblich wunderverrichtenden Marienbildes wegen. Viele Pilger ließen sich hier vom Fährmann über die Oder setzen. Ob sich der weite Weg letztendlich gelohnt hat, darüber schweigen die Quellen dezent. Nach der Reformation flog die „ Heilige Maria von Göritz“ ohnehin auf den kirchlichen Sperrmüll. Mit Relikten aus überholter Vergangenheit ging man schon damals nicht besonders zimperlich um. Aus nachvollziehbaren Gründen dürften wohl die Reitweiner Fährmänner über das plötzliche Versiegen ihrer Einnahmequelle alles andere als froh gewesen sein.

Klatschend springt ein riesiger, silbrig glänzender Rapfen plötzlich vor uns aus dem Wasser, um Sekunden später, nicht minder geräuschvoll, wieder in der Tiefe zu verschwinden. Ein eindrucksvolles, von umstehenden Wanderern und Anglern bestauntes Naturschauspiel. Allen pessimistischen Unkenrufen zum Trotz, bietet die Oder noch heute zahlreichen Fischarten ausreichend Lebensraum. Silberreiher und Kormorane halten nach Beute Ausschau. Argwöhnisch beäugt von manchem Angler, der vor allem in den Kormoranen nicht zu Unrecht eine Konkurrenz sieht.

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Langsam tuckert ein Frachtkahn, an dessen Heck die polnische Fahne im Wind flattert, vorbei. Bison 2 steht auf dem Schiffsrumpf. Deutsche Handelskähne verkehren nur noch selten auf der Oder. Schiene und Straße erscheinen den Firmen als Transportweg geeigneter, als die schwankenden Wasserstände des unberechenbaren Grenzstroms.
Friedlich ist es an der Fährbuhne. Leider wurde dieser Friede in der Vergangenheit immer wieder unterbrochen.

Den Oderübergang der Armee Friedrich des Großen, in der Nacht vom 10.-11- August 1759 habe ich ja bereits erwähnt. Gute Achtundvierzig Stunden später kehrte der König auf demselben Weg, geschlagen und gedemütigt, zurück nach Reitwein.

Noch heute streiten sich die Historiker über die Frage, wo der Monarch die erste Nacht nach der verheerenden Niederlage verbracht hatte. Ernstzunehmende Quellen weisen auf einen Aufenthalt des Königs in dem einen Kilometer südlich von Göritz gelegenen Dorf Ötscher hin. Fraglich ist, ob sich der „ Alte Fritz“ tatsächlich, wie von dem englischen Friedrich-Biographen Carlyle behauptet, mit Schwerverwundeten Offizieren und Soldaten, ein von den Russen halb zerstörtes Bauernhaus teilen musste. Mit Hilfe solcher „ Urban Legends“ sollte wohl eher das Image des Königs aufgepeppt werden.

Andere, nicht minder ernstzunehmende Quellen „ verorten“ das preußische Staatsoberhaupt jedoch in der Nacht vom 12. auf den 13. August 1759 in Reitwein. Und zwar im Dammmeisterhaus, unweit der Fährbuhne.

Wer hat denn nun Recht? Möglicherweise beide. Pfarrer Wilhelm Ohrt schreibt zum Beispiel in seinen Erinnerungen, dass er in jener Nacht zum Dammmeisterhaus gerufen wurde, um den König mit Trinkwasser zu versorgen. Ich halte es für denkbar, dass dem König der Aufenthalt auf der neumärkischen Seite der Oder, wegen der herumstreifenden Kosaken, im Verlauf der Nacht zu gefährlich erschien.

Weshalb er es vorzog, den Rest der Nacht in der Nähe des relativ sicheren Reitwein zu verbringen. Und zwar zunächst im Dammmeisterhaus, bis er dann am kommenden Tag im Schloss Quartier nahm. Ich möchte darauf hinweisen, dass das historische Dammmeisterhaus im Krieg zerstört und später vollständig abgerissen wurde. Es befand sich jedoch lediglich wenige Meter von dem heutigen Wohnsitz des zuständigen Dammmeisters entfernt, auf einer heute unbebauten, jahrelang als Parkplatz genutzten Fläche.

Aber eigentlich ist es auch egal, wo der Verlierer von Kunersdorf in besagter Nacht schlief. Falls er überhaupt geschlafen hat! Kaum jemand fragt nach dem Schicksal der vielen, vielen, zumeist verwundeten, einzeln oder in Gruppen, an der Oder entlang irrenden „ niederen Dienstränge“. Von denen nicht wenige den oben erwähnten herumstreifenden Kosaken noch lange nach dem eigentlichen Kampf zum Opfer fielen.

Sollte die Überlieferung zutreffen, dann tobte in Nacht an der Oder ein so genanntes „ trockenes Gewitter“. Zuckende, das Terrain grell erleuchtende Blitze nahmen den flüchtenden Soldaten zusätzlich jede Deckung. Regen, der die Angreifer vertrieben hätte, fiel jedoch nicht. Ein geradezu apokalyptisches Horrorszenario mit dem sich die bedauernswerten preußischen Soldaten konfrontiert sahen. Angesichts dessen ist es nun wirklich „zweitrangig“, wo ihr König zur selben Zeit gepennt hat!

Die folgenden zwei Jahrhunderte gingen relativ friedlich an der Fährbuhne vorüber. Bis Anfang Februar 1945 erneut ein „ großer Kriegsherr“ vor Ort erschien.

Diesmal in der Person des sowjetischen Generals Tschuikow. Der an dieser Stelle einen strategisch wichtigen Brückenkopf errichtete. Womit die deutsche „ Wehrmacht“ begreiflicherweise nicht ganz einverstanden war. Tonnen von Bomben und Artilleriegeschossen hagelten in den folgenden Wochen auf die militärische Behelfsbrücke herunter. Die oft zerstört und noch öfter wieder, unter höchster Lebensgefahr, von sowjetischen Pionieren repariert wurde. Der weitere Ausgang der Geschichte ist bekannt.

Noch heute kann man die in den Grund der Oder gerammten Brückenpfeiler erkennen. Im Juni 1945, sechs Wochen nach dem endgültigen Ende der Kämpfe auf deutschem Boden, wälzte sich von Osten her ein unübersehbarer, schier endloser Elendsstrom über die wenigen intakten, wieder intakten oder provisorischen Oderübergänge nach Westen. Vertriebene aus der nun zu Polen gehörenden früheren Neumark. Quasi von einer Stunde auf die andere per Edikt heimatlos geworden, oft der letzten Habe beraubt, sahen sie einer mehr als ungewissen Zukunft entgegen. Viele Ältere, Kranke, aber auch kleine Kinder, sollten diesen „ Marsch der Tränen“ nicht überleben. Andere litten Zeit ihres Lebens unter dem Trauma, obwohl persönlich unschuldig, „ für die Verbrechen anderer die Zeche gezahlt zu haben.“

Unter diesen elenden, verzweifelten Neumärkern die im Juni 1945 über die vier Monate zuvor von den Sowjets erbauten Pontonbrücke quälten, waren auch meine Großmutter, mein Vater und andere Angehörige meiner Familie. Damit besitzt die Fährbuhne für mich gewissermaßen eine eigene, ganz persönliche Note.

Über siebzig Jahre sind seit dieser Zeit ins Land gegangen. Längst hat meine Familie im Oderbruch und anderswo eine neue Heimat gefunden. Die Erinnerung an das verlorene, hat zumindest die ältere Generation nie losgelassen. Heimat ist tief in einem drin. Dieses Gefühl kennt nun einmal keine Grenzen.

Der Verlust der Heimat gehört zu den schlimmsten, was einem Menschen angetan werden kann. Und doch: ohne einen 01. September 1939, dem Tag des verbrecherischen Überfalls auf Polen, gleichzeitig Beginn des Zweiten Weltkriegs, wären meiner Familie und vielen, vielen anderen, der Verlust der Heimat erspart geblieben. Wer Wind sät, wird Sturm ernten, heißt es in der Bibel. Bleibt zu hoffen, dass wir Deutschen unsere Lektion aus der Vergangenheit gelernt haben.

Der neue Grenzverlauf mitten in der Oder, beendete auch das besondere nachbarliche Verhältnis zwischen Reitwein und dem einstigen, nun mehr polnisch gewordenen, in Gorzyca umbenannten Göritz. Ob sich das wohl jemals wieder ändern wird? Fraglich. Obwohl diese Grenze seit Ende 2007 ohne Kontrollen problemlos überquert werden kann, besteht sie in vielen Köpfen im Oderbruch noch immer. Vorurteile und Gleichgültigkeit gegenüber den polnischen Nachbarn erweisen sich als verdammt zählebig. Vor allem bei jenen, die keinen einzigen Polen persönlich kennen.

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der letzte noch intakte Beobachtungsturm des polnischen Grenzschutzes, an der Oder bei Gorzyca, gegenüber Reitwein

Drüben, am anderen Oderufer, steht der wohl letzte noch erhaltene Beobachtungsturm des polnischen Grenzschutzes. Einst einer von vielen entlang der bis 1990 so genannten „ Oder-Neiße-Friedensgrenze“. Solche Türme fand man jedoch nur auf der östlichen Seite der Grenze. An der auch wehrpflichtige Soldaten rund um die Uhr patrouillierten.
Die Grenztruppen der DDR begnügten sich stattdessen mit einer temporären, ausschließlich von einzelnen Berufssoldaten, den „ Grenzabschnittsposten“, realisierten Überwachung der Staatsgrenze zwischen zwei offiziell befreundeten Staaten.

Viel Vertrauen hegten die polnischen Kommunisten gegenüber ihren deutschen „ Brüdern im Geiste“ offenbar nicht. Anders kann ich mir dieses einstige misstrauische „ Beäugen“ über die Grenze hinweg, nicht erklären. Dass dieses Misstrauen nicht völlig aus der Luft gegriffen war, zeigt die nach der Wiedervereinigung bekannt gewordenen Plan Erich Honeckers, das Aufkommen der „ Konterrevolution“ im sozialistischen Nachbarland, Ende 1981 mittels eines militärischen Einmarsches zu beenden.

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Blick auf die Oder von Gorcyca aus

Von dem unterschwelligen Misstrauen abgesehen, machte die „ Friedensgrenze“ bis zum Herbst 1989, ihrem Namen alle Ehre. Das änderte sich erst, als die „ Abstimmung mit den Füßen“, die Fluchtwelle aus der DDR, auf den Weg zu den bundesdeutschen Botschaften in Prag und Warschau, auch durch das Oderbruch schwappte.

Vierundvierzig Jahre nach dem Exodus der Neumärker, erschienen erneut Flüchtlinge an der Fährbuhne. Diesmal jedoch „ freiwillig“, weil sie in der DDR , ihrer Heimat, keine Perspektive mehr sahen. Eilig von der Westgrenze an die Oder verlegte Kompanien der Grenztruppen mühten sich, unterstützt von Volkspolizisten und „ Freiwilligen Helfern“, vergeblich den Flüchtlingsstrom einzudämmen.

Reitwein wurde im Oktober 1989 in diesem Zusammenhang mit einem ebenso tragischen, wie letztendlich sinnlosen Todesfall weithin bekannt. Am 18. Oktober 1989 bargen polnische Grenzschützer, gegenüber der Fährbuhne, die Leiche eines beim Durchschwimmen der Oder ertrunkenen jungen Mannes aus dem Anhaltinischen Thale aus der Oder. Dessen eigener Vater hatte ihm geraten, statt die gefährlichere, besonders gesicherte Westgrenze „ illegal“ zu überwinden, doch lieber den vermeintlich sicheren Umweg über Polen zu wählen.

Drei Wochen nach seinem Tod fiel die „ Berliner Mauer“.
Ich gehörte damals zu jenen, die solche Fluchten verhindern sollten. Von der Leichenbergung erfuhr ich aus dem Mund eines für den Grenzabschnitt Reitwein zuständigen Oberfähnrichs. Erst viele Jahre bekam, nach der Lektüre eines Artikels im „ Spiegel“ der unbekannte Tote für mich auch ein Gesicht.

Tote sollte es an dieser Staatsgrenze auch nach der deutschen Wiedervereinigung geben. 1992 verfing sich die Leiche eines weiblichen rumänischen Wirtschaftsflüchtlings am Haken eines an der Fährbuhne nach Hechten fischenden Anglers. Nun rollte der Flüchtlingsstrom erneut von Ost nach West über die Oder. Rumänen, Bulgaren Russen. Aber auch Afrikaner, Inder und Vietnamesen. Dazwischen immer wieder Boote voll mit illegalen Zigaretten. Zustände wie in einem Charles Bronson-Film.

Mittlerweile gehören auch diese Zeiten der Vergangenheit an. Schmuggler und Schleuser nutzen ebenfalls die Vorzüge der offenen, weitgehend unbewachten Grenze. Das Ufer der Oder gehört wieder allein den Naturfreunden. Möge es immer so bleiben!

Ende

Uwe Bräuning

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Ein Gedanke zu “Reitwein-wo der Mantel der Geschichte rauscht…..

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